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In Berliner Souvenirläden gehören Fragmente der Berliner Mauer seit mehr als 30 Jahren zum Sortiment. Aber sind das wirklich noch Originale? Spoiler-Alarm: meistens!
Als die Berliner Mauer 1989 geöffnet wurde und damit das Ende der DDR besiegelt war, begannen die Menschen sehr schnell damit, dem Ungetüm aus Beton mit Hammer und Meißel zu Leibe zu rücken. Mauerspechte nannte man sie damals. Der Großteil der Mauer wurde ab Juni 1990 mit schwerem Baugerät abgerissen. Heute sind Abschnitte der Mauer nur noch an vereinzelten Stellen zu sehen, etwa an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße oder in der East Side Gallery.
Fragmenten der Mauer allerdings begegnet man in der Berliner Innenstadt noch immer an erstaunlich vielen Orten.
Am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie etwa oder in Souvenirläden und sogar Hotels sind sie tausendfach zu kaufen. Fast vierzig Jahre nach dem Mauerfall geht der Vorrat an Betonbröckchen, meist bunt bemalt und oft zu Magneten verarbeitet oder als Teil einer Postkarte in Plastikkapseln verpackt, ganz offensichtlich noch nicht zur Neige. Kann das sein? Oder sind diese Stücke anderer, historisch nicht ganz so bedeutsamer Herkunft?
Mauerstücke: Aus Beton - oder Gips
"Es gibt durchaus unechte Mauerstücke, die aus Gips hergestellt sind", erklärt Julian Sacha im DW-Gespräch. Doch der Großteil der angebotenen Stücke sei immer noch echt. Sacha muss es wissen: Seine Firma Urban Products Sacha GmbH im Berliner Stadtteil Reinickendorf, die er gemeinsam mit seinem Bruder Sebastian betreibt, ist Hauptlieferant dieser echten Stücke. Das Geschäft mit den Mauerteilen ist seit 1992 in Familienhand: Damals konnte sich Sebastian Sachas Schwiegervater einen großen Bestand an Mauerteilen sichern und begann mit der Zerkleinerung und dem Verkauf des Betons.
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"Wir beliefern eine große Souvenirshop-Kette in Berlin, das ist unser Hauptabnehmer", sagt Sacha. "Aber über unseren Online-Versand verschicken wir die Stücke auch in die ganze Welt." Meistens in die USA, nach Großbritannien und nach China. Außerdem läuft in Europa seit 2024 eine Wanderausstellung, die derzeit in Barcelona Station macht: "Die Berliner Mauer: Eine geteilte Welt". Auch dort werden im Museumsshop Mauerstückchen verkauft, geliefert aus Reinickendorf.
Neue Farbe, alte Mauer
Dass die bunte Farbe aus Attraktivitätsgründen nachträglich aufgesprüht wurde, verschweigt Urban Products auf seiner Website nicht. Ein Echtheitszertifikat bestätigt aber, dass der Beton, zu haben ab 9,90 Euro, tatsächlich original ist. Zu den Kunden der Firma zählt auch der Deutsche Bundestag.
Noch ist kein Ende des Geschäfts in Sicht. "Wir haben derzeit noch 40 bis 45 Mauersegmente auf Lager", erzählt Sacha. "30 davon sind vollständig, zehn bis 15 sind bereits zerkleinert und bereit zum Verkauf." Aber auch darüber hinaus sind Mauerstücke durchaus noch zu haben, schließlich war der Betonwall, der ganz West-Berlin umschloss, 155 Kilometer lang.
Zwar wurden etliche Segmente, je 1,20 Meter breit und 3,60 Meter hoch, im Laufe der Jahre in fast die ganze Welt verschifft, und bei etlichen weiteren ist der Verbleib schlicht nicht bekannt. "Aber wir können weitere Segmente bekommen", versichert Julian Sacha. Sollte es denn nötig werden. Seit einigen Jahren ist die Nachfrage rückläufig. Deshalb setzt Urban Products längst nicht mehr nur auf Beton: Nostalgisch anmutende Blechschilder, Schlüsselanhänger mit Berlin-Motiven und andere Geschenkartikel bilden inzwischen das Kerngeschäft des Berliner Unternehmens.
Autorin Katharina Abel
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Einmal um die Welt: Wo man heute die Berliner Mauer findet
Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Doch das war nicht ihr Ende: Mauerstücke finden sich heute rund um den Globus, auch an kuriosen Orten. Jedes erzählt seine eigene Geschichte.
Sie war das weltweit bekannte und gefürchtete Symbol der Teilung Deutschlands: die Berliner Mauer. Mehr als 28 Jahre lang trennte sie das zur Bundesrepublik Deutschland (BRD) gehörende West-Berlin vom zur Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gehörenden Ost-Berlin. Ihr Bau begann 1961 auf Befehl der kommunistischen Führung der DDR: Zuvor waren schon rund drei Millionen Menschen in den Westen geflohen, um Mangelwirtschaft, Unfreiheit und Bespitzelung durch den Staat zu entkommen.
Weitere Bürger wollte man nicht verlieren, deswegen wurde an der 155 Kilometer langen Grenze ein komplexes System von Barrieren und Befestigungsan
lagen errichtet, das unüberwindbar sein sollte (rund 5000 Ostdeutschen gelang die Flucht im Laufe der Jahre dennoch). Die Mauer trennte nahezu alle Verkehrs- und Kommunikationswege zwischen Ost- und West-Berlin, Grenzübergangsstellen wie der "Checkpoint Charlie" waren die wenigen Ausnahmen. An der Mauer zeigte sich die ganze Grausamkeit des DDR-Regimes: Bei dem Versuch, sie zu überwinden, wurden zwischen 1961 und 1989 mindestens 140 Menschen getötet. Neben rund 100 Fluchtwilligen kamen auch Grenzsoldaten und unbeteiligte Passanten ums Leben.
Die Berliner Mauer: Erst verhasst, dann begehrt
Mit dem Zerfall der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa fiel am 9. November 1989 auch die Mauer. Die Deutsche Einheit folgte knapp ein Jahr später. Heute sieht man in Berlin nur noch Teilstücke der Mauer: Das längste ist die berühmte East Side Gallery mit 1,3 km bemaltem Beton; außerdem gibt es die Gedenkstätte Berliner Mauer. Doch damals wollten die Berliner den verhassten Betonwall so schnell wie möglich loswerden - und gleichzeitig wollten Menschen, Regierungen und Institutionen auf der ganzen Welt ein Stück Mauer haben.
Ganz besonders in den USA, wo es heute nach Schätzungen der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mehr Mauerteile gibt als in Berlin. Ob vor dem CIA-Hauptquartier in Langley oder auf einer Herrentoilette in Las Vegas - Mauerstücke findet man überall in den USA. "Als Bestandteil der Siegermächte haben die USA natürlich großen Anteil an der deutschen Teilung genommen," erklärt die Direktorin der Stiftung Aufarbeitung, Anna Kaminsky. "Die Mauer war ein Thema, auf das fast alle US-amerikanischen Präsidenten außenpolitisch hingewiesen haben.
Sie war sozusagen eine emotionale Angelegenheit für die USA, besonders auch für die US-Soldaten, die in Berlin stationiert waren." Doch Mauersegmente sind nicht nur in den USA verteilt, sondern rund um den Globus - von Neuseeland bis Island, von Indonesien bis Chile. Die Stiftung Aufarbeitung hat auf ihrer Karte 57 Länder (ohne Deutschland) markiert, in denen mindestens ein Stück steht. Jedes hat seine eigene Geschichte, jedes wird anders interpretiert. Mal erstanden Privatleuten oder Firmen die Steine, mal verschenkte sie die Bundesregierung oder der Berliner Senat.
Mahnmal und Appell
In Südkorea, das sich der deutschen Geschichte aufgrund der eigenen Teilung verbunden fühlt, stehen Mauerstücke an sechs verschiedenen Orten, darunter in Dorasan, dem nördlichsten Punkt des südkoreanischen Eisenbahnnetzes an der Grenze zu Nordkorea. Am dortigen Bahnhof eröffnete der damalige Bundespräsident Joachim Gauck 2015 gemeinsam mit südkoreanischen Regierungsvertretern den "Bahnsteig der Wiedervereinigung" und enthüllte dabei ein Mauersegment, dazu eine Tafel mit dem Appell: "Schaffen Sie ein wiedervereinigtes Korea und helfen Sie der Welt, friedlicher zu werden." Auch ein Zitat von Gauck wurde hier verewigt: "Gemeinsam für ein Leben in Freiheit."
Besonderen Wert scheinen die Stücke auch in manchen Ländern des ehemaligen Ostblocks zu haben, wo sie als Denkmal für die hart errungene Demokratie wirken. So wie in Bulgarien, wo die Sofioter Stadtregierung 2006 den Berliner Senat um ein Mauerteil bat. Es steht neben dem Mahnmal für die Opfer des Kommunismus in Bulgarien, versehen mit zwei Texttafeln auf Bulgarisch und Deutsch: "Am 13. August 1961 hat eine Mauer Berlin, Deutschland und damit Europa und die Welt zweigeteilt. Bulgarien blieb östlich der Mauer eingeschlossen - und dies bis zum 9. November 1989, als das Volk sie stürzte. Dieses Bruchstück der Berliner Mauer ist ein Geschenk der Berliner für die Bürger von Sofia - als Zeichen des wiedervereinten Europas und als Beweis dafür, dass die Bulgaren nunmehr frei sind."
Das Stück in Sofia sieht trist aus - so wie die Mauer eben war. Viele andere Teile dagegen wurden nach ihrem Abbau bemalt oder mit Graffitis besprüht, oft mit der guten Absicht, sie mit Friedens- und Freundschaftssymbolen zu versehen. So wirken sie heute eher wie ein Stück Popkultur statt einstige Elemente eines gefürchteten Grenzwalls. Der französische Künstler und Wahlberliner Thierry Noir hat die Mauer auf West-Berliner Seite schon vor dem 9. November 1989 großflächig mit den für ihn typischen Figuren bemalt, doch auch danach hat er sich noch auf Segmenten verewigt. "Germany's Next Topmodel"-Chefin Heidi Klum hat ein von ihm bemaltes Mauerstück in ihrem kalifornischen Garten stehen - ein Geschenk ihres in Ostdeutschland geborenen Ehemanns.
Umstritten: Mauerstücke und Kommerz
Nach dem Mauerfall erteilte die damalige Übergangsregierung der DDR einer volkseigenen Firma den Auftrag, die Mauerreste gewinnbringend zu verkaufen. Diese wiederum kooperierte mit einer West-Berliner Agentur. Gemeinsam entschied man, Segmente auch gezielt bemalen zu lassen, um ihre Attraktivität und damit auch den Kaufpreis zu erhöhen. "Das hat damals sehr viel Protest hervorgerufen: dass die DDR-Regierung samt Vertretern der Partei, die die Mauer gebaut hatte, an der so viele Menschen starben, jetzt auch noch Gewinn mit ihrem Verkauf machen wollte," erzählt Anna Kaminsky. Immerhin, der Verkauf sollte gemeinnützigen Einrichtungen zugute kommen. Doch auch Privatfirmen machten Profit mit der Mauer.
Eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema ist im norwegischen Trondheim zu sehen. Hier hat der Künstler Lars Ø. Ramberg im Auftrag der Stadt eine Skulptur mit dem Titel "Kapitalistischer Realismus" erschaffen. Auf das Mauersegment hat er den Schriftzug "SALE" gesetzt. Die Berliner Mauer als Symbol für die Erringung der Freiheit sei nun ein Beispiel für die Käuflichkeit eben dieses Symbolwertes geworden, wird er auf der Website der Stiftung Aufarbeitung zitiert. Durch den Kauf der Mauersegmente und die Erstellung der Skulptur inszeniere er sich als Teil dieses Problems, heißt es dort weiter.
In den letzten zehn Jahren sind die Wünsche nach Mauerteilen stark zurückgegangen. "Die Weltgeschichte hat sich weiterentwickelt, die Weltpolitik ist eine andere," sagt Anna Kaminsky von der Stiftung Aufarbeitung. "Der ikonische Gehalt der Mauer hat über die Jahrzehnte abgenommen. So tritt sie als Symbol immer mehr in den Hintergrund." Was aus Sicht vieler sicherlich auch sein Gutes hat - denn egal, wie bunt sie ist und wo sie steht, die Mauer bleibt das Symbol einer Diktatur.
Autorin Katharina Abel
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