Berliner Museen listen Raubkunst aus Samos auf

14 Apr

Die Bronzestatuette einer schreitenden geflügelten Sphinx gehört heute zur Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin.

 

Der neueste Band einer Reihe zur Geschichte der Berliner Museen, herausgegeben vom Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin, lässt tief blicken. Denn das Buch "Konstantinopel - Samos - Berlin. Verfall, Fundteilung und heimlicher Export von Antiken am Vorabend des Ersten Weltkriegs" ist das Ergebnis akribischer Provenienzforschung.

Die enthaltenen Aufsätze rekonstruieren detailliert die Geschichte von Ausgrabungen der damals noch "Königlichen Museen" zu Berlin auf der - heute zu Griechenland gehörenden - Insel Samos. Sie fanden zwischen dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert statt. Ausgrabungen unter deutscher Leitung hatten bereits 1875 in Olympia auf dem Peloponnes, 1878 in Pergamon und 1899 in Milet begonnen. Die Grabungen auf Samos zählen zu den letzten, an denen sich die Königlichen Museen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs beteiligten.

Die Aufsätze belegen nicht nur den teilweise illegalen Export archäologischer Funde, sondern auch, wie die deutschen Akteure damals versuchten, von politischer Instabilität zu profitieren.

Versuche, vom "Museums-Business" zu profitieren

Denn auch der östliche Mittelmeerraum steckte vor dem Ersten Weltkrieg inmitten politischer Umbrüche und verbreiteter Unsicherheit. Das galt auch und besonders für den Osten der Ägäis. Das in der Nähe Kleinasiens - der heutigen Türkei - gelegene Samos war ein halbautonomes Fürstentum des türkisch-osmanischen Reiches, bis die Insel 1912 an das Königreich Griechenland überging.

Von Juli 1913 bis März 1914 verhandelten Berlin und Konstantinopel über mögliche umfangreiche Kredite deutscher Banken an den osmanischen Staat, wobei die Altertümer des Kaiserlichen (Archäologischen) Museums oder wenigstens ein erheblicher Teil davon als Sicherheit dienen sollten. Alternativ wurde auch ihr Verkauf diskutiert. 

In jedem Fall war das Ziel, die wertvollsten Gegenstände nach Deutschland zu schaffen und in den Königlichen Museen zu Berlin auszustellen. Dieses "Museumsgeschäft" war die Idee von Theodor Wiegand (1864-1936), dem damaligen Außendirektor der Berliner Museen in Konstantinopel und späteren Leiter der Altertumsabteilung der Berliner Museen, und seinem Kollegen und Leiter der Ausgrabung auf Samos, Martin Schede (1883-1947). 

Obwohl dieses Geschäft letztlich platzte, spiegeln Archivmaterial und persönliche Zeugnisse der deutschen Parteien ihr Überlegenheitsgefühl und ihre Überzeugung wider, dass der osmanische Staat seinen Darlehensvertrag nicht werde einhalten können. Die Folge: die deutschen Banken würden in den Besitz der Altertümer gelangen, die der preußische Staat dann kaufen könnte.

Die Pracht von Samos

Samos war in der Antike eine besonders reiche und mächtige Insel, die für ihre Weinberge und Weinproduktion, rote Töpferwaren, Eisenminen, Kunsthandwerk mit Bronze- und Schmuckfabriken, Obstproduktion und Olivenöl bekannt war. Während ihrer Blütezeit im 6. Jahrhundert v. Chr. war Samos bekannt für innovative technische und künstlerische Leistungen.

Das einen Kilometer lange eupalinische Aquädukt, das die Stadt Samos mit frischem Wasser versorgte, gilt heute als technisches Wunderwerk der Antike. Das Heraion, ein der griechischen Göttin Hera geweihtes Heiligtum, das mit prächtigen Skulpturen geschmückt war, wurde 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Samos, das an der schmalsten Stelle nur 600 Meter von der Türkei entfernt ist,, erfuhr in den vergangenen Jahren immer wieder mediale Aufmerksamkeit als Ziel vieler Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Afrika.

Fragwürdige Herkunft der Artefakte

Laut Martin Maischberger, stellvertretender Direktor der Berliner Antikensammlung und Mitautor des Buches, gelangten rund 250 Objekte vermutlich "inoffiziell" nach Berlin. Fast sicher sei, dass rund ein Dutzend Objekte Samos "illegal verlassen" hätten, so Maischberger zum evangelischen Pressedienst epd. 

Nur etwa 20 Artefakte seien in einem offiziellen Abkommen über die Aufteilung der Funde zwischen den Königlichen Museen in Berlin und dem damaligen Fürsten von Samos, Andreas Kopases, aufgeführt. Dazu gehören prächtige Statuen wie der Ornith aus der Geneleos-Gruppe oder der Cheramyes Kore, aber auch kleine Bronzestatuetten, Tonstatuetten, Keramik und Architekturteile aus dem Heraion.

Dubiose Versandmethoden

Maischberger forderte jetzt, dass auch die Rolle und der Briefwechsel der Archäologen Theodor Wiegand und Martin Schede im Zusammenhang mit dem Erwerb dieser Altertümer nun einer kritischen Bewertung bedürften. Die Provenienzforschung in dieser Angelegenheit sei nicht zuletzt dadurch erschwert worden sei, dass Akten aus dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Moskau gelangten.

Einige der unter der Aufsicht von Wiegand und Schede ausgegrabenen Funde seien legal nach Deutschland transportiert worden, was Archivdokumente belegen. Häufiger sei dies aber auf illegalem Weg geschehen: Kleinere Funde wurden mit der internationalen Post nach Berlin geschickt. Größere Funde und schwere Marmorskulpturen wurden von Reedereien ohne Wissen der örtlichen Behörden nach Deutschland transportiert.

Der Anhang des Buche listet sämtliche Objekte aus Samos auf, die sich im Besitz der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin befinden. 

Ungerechtigkeit bis heute

Christina Haak, stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen, erklärte bei der Vorstellung des Buches, dass bereits Gespräche mit der griechischen Seite aufgenommen wurden. "Aber wir stehen erst am Anfang." Noch sei es zu früh, über Rückgaben oder Forschungs- und Ausstellungskooperationen zu sprechen. Klar sei aber auch: "Das Unrecht von damals ist auch mehr als 100 Jahre später noch Unrecht." 

Anlässlich des Tages der Provenienzforschung am 13. April wird eine Online-Buchpräsentation von "Konstantinopel - Samos - Berlin" Experten und die Autoren des Werkes zu einer Diskussion über das Thema zusammenführen. Das Buch Konstantinopel - Samos - Berlin" ist soeben bei "arthistoricum.net" erschienen und kostet € 82,90. 

 

Aus dem Englischen adaptiert von Sven Töniges

Autorin Brenda Haas     

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