Boomende Rechenzentren: Wachstum mit Schattenseiten

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Sie sind energiehungriger Wachstumsmotor, Rückgrat und Knotenpunkt der Digitalisierung: Rechenzentren. Weltweit werden tausende gebaut. Wie verwundbar sie Gesellschaften machen, hat zuletzt der Iran-Krieg gezeigt.

 

Dietzenbach ist ein kleiner Ort, rund 35.000 Menschen leben hier. In der Umgebung bekannt ist das Städtchen vor allem für sein Waldschwimmbad und einen architektonisch ungewöhnlichen Aussichtsturm. Bei gutem Wetter kann man von dort aus das nur rund zwölf Kilometer entfernt gelegene Frankfurt am Main sehen. Dass der US-Tech-Konzern Google ausgerechnet hier mehrere Milliarden Euro investiert, um ein neues Hochleistungs-Rechenzentrum zu bauen, dürfte auch an dieser geographischen Lage liegen. Denn der Großraum Frankfurt ist eine der wichtigsten Regionen für Rechenzentren in Europa.

In Frankfurt liegt der DE-CIX, der größte Internetknotenpunkt der Welt. In Spitzenzeiten werden hier mehr als 17 Terabit an Daten pro Sekunde durchgeschleust - dies entspricht der Datenmenge, die zusammenkäme, wenn knapp 3,5 Millionen Menschen gleichzeitig einen Film in HD-Qualität streamen würden. Schon jetzt sind allein im Großraum Frankfurt 76 solcher Rechenzentren in Betrieb. Weltweit gibt es sogar rund 12.000 dieser Gebäudekomplexe - Tendenz rasch steigend.

 

Wachsende Bedeutung von Rechenzentren

Das Internet ist aus den modernen Gesellschaften der Welt längst nicht mehr wegzudenken. Und es wächst stetig weiter. Vor allem mit dem rasanten Ausbau der künstlichen Intelligenz (KI) gehen immer größere Datenmengen einher. Um diese zu verarbeiten und zu speichern, den reibungslosen Betrieb von Cloud-Diensten und Web-Anwendungen zu ermöglichen, braucht es riesige Serverkapazitäten. Rechenzentren fungieren somit als zentrales Rückgrat des modernen Internets.

So haben Datenzentren auch eine fundamentale Bedeutung für die nationale Sicherheit moderner Industriestaaten, denn deren Wirtschaft und Gesellschaft würde ohne diese kaum noch funktionieren. Wesentliche Prozesse bei der Energieversorgung und im Gesundheitssystem, bei der Lenkung von Finanzströmen und in der Transportlogistik und viele weitere Dinge werden über diese Hubs abgewickelt.


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Deshalb gehören Rechenzentren in Deutschland auch zum Bereich der besonders geschützten kritischen Infrastruktur. Wie groß etwa die Bundesregierung ihre Bedeutung einschätzt, hat sie erst im März 2026 in einer neuen Nationalen Rechenzentrumsstrategie veranschaulicht. Bis 2030, so die Pläne, sollen die Rechenzentrumskapazitäten in Deutschland verdoppelt werden - auch, um unabhängiger zu werden von Anbietern außerhalb Europas.

 

Verletzliche Knotenpunkte

Dass im Netz mittlerweile fast alles über Rechenzentren läuft, macht diese Gebäudekomplexe auch zu einem beliebten Angriffsziel. Vor allem Cyberangriffe haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Im Januar 2026 berichtete die Deutsche Bundesbank, dass allein ihre IT-Systeme pro Minute mehr als 5000 Cyberangriffe zu verzeichnen haben. Gegen derartige Attacken sind Rechenzentren in aller Regel gut geschützt - ebenso wie gegen mögliche Saboteure.

Oft werden die Gebäudekomplexe durch Kameras, Zäune und Stacheldraht gesichert. Aus gutem Grund: Dass auch physische Schäden in Rechenzentren massive Auswirkungen haben können, wurde etwa im März 2021 deutlich, als es in Straßburg in einem der größten Rechenzentren Europas zu einem Großbrand kam. Mehr als 3,6 Millionen Webseiten fielen aus, zahlreiche Kunden verloren ihre Daten für immer, da auch deren Backups im selben Gebäude gelagert waren. 

 

Strategische Kriegsziele?

Auch in militärischen Konflikten sind Rechenzentren mittlerweile zu strategischen Angriffszielen geworden. So wurde etwa im Ukrainekrieg bewusst IT-Infrastruktur angegriffen, um militärische Operationen zu unterbinden und die zivile Versorgung massiv zu stören. Beschossen wurden Rechenzentren auch am Persischen Golf. Im Krieg der USA und Israels gegen den Iran griff Teheran mit Drohnen und Raketen drei Anlagen des US-amerikanischen Cloud-Anbieters Amazon Web Services (AWS) in Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten an. 

Die Folge: massive Störungen bei Banken, Zahlungsplattformen und weiteren Systemen. Kurz darauf veröffentlichte die iranische Führung auf Telegram eine Liste mit bis zu 30 weiteren möglichen Angriffszielen US-amerikanischer IT-Infrastruktur in der Golfregion. Dabei handelte es sich um Rechenzentren, Forschungseinrichtungen und Büros verschiedener Tech-Giganten wie IBM, Google, Palantir oder Oracle. Seitdem hat die Diskussion darüber, wie sich auch Rechenzentren besser durch Luftabwehr schützen lassen, deutlich an Fahrt aufgenommen.

 

Große Investitionen, große Bedenken

Es wird also auch immer wichtiger, geeignete, gut sicherbare Standorte für neu zu bauende Rechenzentren zu finden. Dabei stoßen diese Projekte in der jeweiligen lokalen Bevölkerung bei weitem nicht nur auf Begeisterung. Kritik gibt es etwa daran, dass Rechenzentren enorme Mengen an Strom und Wasser für den Betrieb ihrer Server und zur Kühlung der Anlagen benötigen. Zudem führt die schnelle Abnutzung der Hardware in solchen Zentren zu hohen Mengen an Elektroschrott. Daher wird vielerorts bereits mit Hochdruck daran gearbeitet, solche Zentren effizienter zu machen, die Abwärme nutzbar zu machen und erneuerbare Energien zum Betrieb dieser Anlagen zu verwenden.

Problematisch gesehen wird auch, dass Investoren zwar oft Milliardensummen in den Bau solcher Zentren pumpen, damit aber kaum direkte Arbeitsplätze schaffen. Rechenzentren sind oft mehrere 10.000 Quadratmeter groß, in ihnen selbst arbeiten aber meist deutlich weniger als 100 Angestellte. Der wirtschaftliche Nutzen entsteht eher indirekt, etwa durch die Ansiedlung anderer Unternehmen, die auf die IT-Infrastruktur angewiesen sind.

In mehreren Weltregionen regt sich daher auch schon Protest. In Chile demonstrierte eine Umweltschutzgruppe 2024 erfolgreich gegen den Bau eines Datencenters für KI-Anwendungen. Im US-Bundesstaat Maine verabschiedete das Parlament im April 2026 ein Moratorium gegen den Bau von Rechenzentren mit einer Kapazität von mehr als 20 Megawatt wegen befürchteter Auswirkungen auf Wirtschaft und Umwelt. Janet Mills, die Gouverneurin von Maine, musste ihr Veto einlegen, um zu verhindern, dass das Gesetz in Kraft trat.

Und auch in Deutschland gibt es nicht immer nur grünes Licht für neue Rechenzentren. Denn während in Dietzenbach schon die Bagger rollen, ist etwa im 30 Kilometer entfernten Groß-Gerau ein ähnliches Bauvorhaben geplatzt. 2,5 Milliarden Euro wollte der US-Investor Vantage Data Centers hier in den Bau eines neuen Rechenzentrums investieren. Doch eine Mehrheit im Stadtparlament sagte "Nein". Zu groß sei das Projekt, zu unsicher die Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft, so die Begründung.

 

Autor Thomas Latschan 

Permalink - https://p.dw.com/p/5DTlY

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UN-Bericht: Menschheit droht eine "digitale Pandemie"

 

Wären die Regierungen der Welt auf einen digitalen Super-GAU vorbereitet? Die Antwort der Vereinten Nationen fällt beängstigend aus. Ihr Bericht stellt drei furchteinflößende Szenarien vor.

 

Sollten die Grundpfeiler der digitalen Welt plötzlich zusammenbrechen, hätte dies für die meisten Menschen wohl verheerende Folgen: Die Länder seien nicht darauf vorbereitet, dass etwa großflächig Satelliten ausfallen, der Strom unterbrochen wird oder Unterseekabel reißen, warnen die UN-Organisation für Telekommunikation (ITU) und das Büro der Vereinten Nationen für Katastrophenvorsorge (UNDRR).

"Kritische digitale Risiken sind real, dokumentiert, systemisch und werden weitgehend unterschätzt", betonen ITU und UNDRR in einem Bericht. "Was wäre, wenn morgen Mobiltelefone und das Internet nicht mehr funktionieren würden, Zahlungen fehlschlügen, Krankenhäuser Patientendaten verlieren und Notfallwarnungen nie ankommen würden?", wird darin gefragt. "Was wie Science-Fiction klingt, könnte Realität werden." ITU und UNDRR sprechen von einer "digitalen Pandemie" und stellen drei  furchteinflößende Szenarien vor. 

 

Ein Sonnensturm wie im Jahr 1859

Wenn die Sonne plötzlich mehr Strahlung und Teilchen ins All schleudert und diese die Erde treffen: An einem Septembertag 1859 hätten bei so einem solchen Ereignis mit kurzer Vorwarnzeit Telegrafisten Stromschläge bekommen, Geräte hätten Funken gesprüht und Büros in Brand gesetzt. Heutzutage würden Signale von Navigationssatelliten gestört, Flugzeuge hätten keinen Live-Radar mehr und Flüge müssten drastisch reduziert werden, autonom fahrende Autos blieben stehen. 

Auch Finanztransaktionen würden fehlschlagen, erläutern das UN-Büro für Katastrophenvorsorge und die UN-Organisation für Telekommunikation. Geomagnetisch induzierte Ströme könnten Transformatoren im Stromnetz zerstören und die Stromversorgung stoppen. Datenzentren kämen an Grenzen, wenn sie ihren Notstrom aufgebracht hätten. Der Ersatz von Transformatoren in großem Stil könnte Monate dauern.

 

Extremhitze wie 2003 in Europa

Mehr Bedarf an Kühlung, gleichzeitig eine Erwärmung der Flüsse - das schränkt unter anderem den Betrieb von Atomkraftwerken ein. Weniger Schiffsverkehr aufgrund niedriger Pegelstände könnte zugleich den Nachschub mit Diesel für Notstrom behindern. Mittlerweile wären ungleich mehr Datenzentren mit hohem Strombedarf betroffen als noch 2003, unterstreichen ITU und UNDRR. Sie könnten teils mangels Kühlung ausfallen, Bezahlterminals könnten Dienste versagen, Geschäfte schließen. Eine regionale Mobilfunk-Infrastruktur, die unabhängig von Datennetzen betrieben werden soll, braucht Basisstationssender, von denen viele ohne Kühlung nicht funktionieren. 

 

Ein Vulkanausbruch wie 2022 in Tonga

Anfang 2022 verursachte eine große Eruption des Vulkans Hunga Tonga-Hunga Ha'apai unter der Meeresoberfläche massive Schäden. Unter anderem wurde ein 80 Kilometer langes Unterseekabel zerstört, das den Inselstaat mit der Außenwelt verband. So etwas kann einen wochenlangen Internet-Ausfall bedeuten, mit Folgen wie bei den anderen Szenarien. 

 

Was ist zu tun?

Meist werde beim Risikomanagement jede Gefahr einzeln betrachtet und davon ausgegangen, dass das Problem kurzfristig behoben werden könne, heißt es in dem UN-Bericht. Die Gefahr sei aber, dass ein einzelnes Problem andere kritische Infrastruktur belasten könne und plötzlich mehrere gleichzeitig betroffen seien. Nötig seien unter anderem analoge Ausweichkapazitäten - so das Fazit von ITU und UNDRR. Denn Menschen müssten wissen, wie sie mit analogen Systemen digitale Disruptionen bewältigen und überwinden könnten.

 

wa/haz (dpa, undrr.org)

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