CHIO in Aachen: Deutschland gewinnt Nationenpreis

3 Jul

Otto Becker war rundum zufrieden. "Das war eine echte Team-Leistung, und das ist ganz wichtig", sagte Becker. "Die haben geliefert - und das macht mich umso glücklicher." Geliefert hatten Jana Wargers mit ihrem Pferd Limbridge, Janne Friederike Meyer-Zimmermann mit Messi, Christian Kukuk mit Mumbei und Europameister Andre Thieme mit Chakaria.

 

Ganz souverän gewann das deutsche Springreit-Quartett den renommierten Nationenpreis beim CHIO in Aachen vor Belgien und Großbritannien. Schlussreiter Thieme musste in der zweiten Runde gar nicht mehr antreten: Als Belgiens letzter Reiter Gregory Wathelet eine Stange abräumte, stand die deutsche Equipe als Sieger fest. "Das ist super-angenehm", sagte Thieme: "Ich könnte mich daran gewöhnen." 

Härtetest bestanden

Für alle vier deutschen Reiterinnen und Reiter war es die Premiere bei einem Nationenpreis. Erstmals seit 2018 gewannen sie wieder den prestigeträchtigen Wettbewerb für Deutschland. In der Geschichte des CHIO Aachen war es der 29. deutsche Sieg. Otto Becker hatte den Nationenpreis zum "WM-Härtetest" erklärt. Die Mannschaft bestand ihn mit Bravour. Die Weltmeisterschaft steigt im August in Herning in Dänemark.

Bald nur noch eine Runde?

Für Unruhe sorgten Diskussionen über die Zukunft des Nationenpreises. In Aachen war bekannt geworden, dass der Reitsport-Weltverband FEI darüber nachdenkt, bei dem traditionsreichen Teamwettbewerb nur noch eine Runde reiten zu lassen. "Wir finden das nicht gut und wissen nicht, was das besser machen sollte", sagte Soenke Lauterbach, Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Auch Bundestrainer Becker lehnt die Reduzierung kategorisch ab: "Der Nationenpreis mit zwei Runden ist das beste Springen der Welt."

 

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Janne Friederike Meyer-Zimmermann: "Das Gegenteil von Mutterschutz"

 

Springreiterin Janne Friederike Meyer-Zimmermann zeigt beim CHIO Aachen Top-Leistungen im Sattel. Gleichzeitig kämpft sie abseits des Parcours um mehr Chancengleichheit für Frauen im Reitsport.

 

Springreiterin Janne Friederike Meyer-Zimmermann ist Ende Januar Mutter geworden und erzielt bereits wieder Top-Ergebnisse. Gerade erst hat sie beim CHIO Aachen mit Deutschland den Nationenpreis gewonnen. Allerdings verlief die Rückkehr in den Sport zwei Monate nach der Geburt ihres Sohnes Friedrich nicht reibungslos. Normalerweise müssen Reiterinnen nach den Regeln des Reitsport-Weltverbands FEI bei einer Schwangerschaft mindestens sechs Monate pausieren.

Leidtragende einer gut gemeinten Regel

Sie behalten dann 50 Prozent der Weltranglistenpunkte, die sie im Vorjahr im entsprechenden Zeitraum gesammelt haben. Normalerweise verfallen die Punkte nach einem Jahr. Die Regelung soll es Reiterinnen ermöglichen, nach der Schwangerschaft ungefähr auf dem Level wieder einzusteigen, auf dem sie vorher waren. Die Weltranglistenpunkte entscheiden nämlich mit darüber, an welchen Turnieren man teilnehmen darf - je höher das Ranking, desto hochklassiger die Prüfungen.

Weil Meyer-Zimmermann aber bereits nach fünfeinhalb Monaten Pause an einem Turnier in Oliva in Spanien teilnahm, strich ihr der Weltverband alle Punkte, die älter waren als ein Jahr, und sie rutschte daraufhin in der Weltrangliste von Rang 107 auf Platz 270 ab. Meyer-Zimmermann sieht sich als Leidtragende einer Regelung, für deren Aufhebung sie nun kämpft. Im Interview mit der DW spricht sie über eine dazu ins Leben gerufene Initiative für mehr Chancengerechtigkeit im Reitsport und ihre persönlichen sportlichen Ziele.

 

DW: - Frau Meyer-Zimmermann, wem entsteht ein Nachteil dadurch, dass man als Reiterin einen halben Monat früher aus dem Mutterschutz in den Turniersport zurückkehrt als vorher angekündigt?

 

Janne Friederike Meyer-Zimmermann: - Ich bin mir ganz sicher, dass niemandem dadurch ein Nachteil entsteht. Ich glaube auch nicht, dass die Regel ursprünglich eingeführt wurde, um jemanden zu bestrafen, sondern sie ist mit dem positiven Gedanken entstanden, dass immerhin 50 Prozent der Ranglistenpunkte gesichert werden.

Die Regel der FEI zum Mutterschutz wurde eingeführt, als Meredith Michaels-Beerbaum 2009 mit ihrer Tochter schwanger war. Sie gilt für die Reitsportdisziplinen Springen, Dressur und Vielseitigkeit.

 

- Warum hat es so lange gedauert, bis durch Ihr Beispiel deutlich wurde, dass damit etwas nicht stimmt?

-Wahrscheinlich war es früher kein so ganz großes Problem, weil es noch nicht so viele große Turniere gab, auf denen man Woche für Woche Weltranglistenpunkte sammeln kann. 

 

-Würden Sie der Regelung die Absicht zugutehalten, dass sie als eine Art Schutzsperre gut gemeint war?

-Es wird immer gesagt, es gehe um Mutterschutz. Aber darum geht es leider überhaupt nicht, sondern es ist das totale Gegenteil. Denn wenn mir Punkte aberkannt werden, muss ich ja umso mehr dafür tun, sie wiederzubekommen. Dann reite ich sogar mehr als weniger.

 

-Was fordern Sie?

-Ich finde, dass jede Frau in der Lage sein sollte, selbstbestimmt und flexibel zu entscheiden, wie viel Zeit sie nach der Geburt ihres Kindes braucht. Wenn man eine längere Pause machen möchte, weil es zum Beispiel eine schwere Geburt war oder man sich körperlich vielleicht noch nicht fit genug fühlt, dann ist das mehr als in Ordnung. Andererseits sollte es aber auch möglich sein, wenn man im Spitzensport zu Hause ist und als Unternehmer wieder in seinen Beruf zurück möchte, die Chance dazu zu bekommen.

Sie haben als Konsequenz "Equal Equest" gegründet, eine Initiative für Chancengerechtigkeit im Reitsport, die auch von anderen Spitzenreiterinnen wie Dressur-Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl und Meredith Michaels-Beerbaum unterstützt wird. Ziel der Initiative ist, dass die Regel sich ändert. 

 

-Wie sieht Ihr Lösungsvorschlag aus?

-Wir wollen im Prinzip lediglich, dass es keinen Punktverlust bei früherem Wiedereinstieg mehr gibt und mehr Flexibilität bei der zeitlichen Begrenzung der Pause. Man sollte nicht auf sechs bis zwölf Monate festgelegt sein. Außerdem haben wir den Vorschlag gemacht, dass man an Reiterinnen aus Ländern, die keine großen Reitsportnationen sind und in denen nicht viele Turniere veranstaltet werden, Wildcards vergibt auf Basis des Weltranglistenplatzes, den sie vor ihrer Schwangerschaftspause innehatten.

Es geht einfach darum, Chancengleichheit herzustellen. Es will keiner irgendwas geschenkt bekommen, weder Geld noch Punkte.

 

-Wie sind die Rückmeldungen, die sie dazu von anderen Reiterinnen und vor allem von den männlichen Kollegen erhalten?

-Unheimlich positiv. Ich habe noch keinen männlichen Kollegen getroffen, der das ablehnt. Im Gegenteil sagen viele: 'Wir wussten das gar nicht.' Ich kann das nachvollziehen, denn ich als Frau wusste es vorher auch nicht. Deswegen ist es uns auch wichtig aufzuklären. Wir haben vom deutschen Verband, der FN, tollen Support bekommen, und es ist auch hier beim Turnier in Aachen viel darüber gesprochen worden. Ich denke, dass sich so die etwas starren Strukturen der FEI aufweichen lassen.

Bis zum 6. Juli können Änderungsvorschläge beim Weltverband eingereicht werden, der im November auf seiner Generalversammlung darüber abstimmen könnte. 

 

-Wie sehen Sie die Chancen, dass die Regel tatsächlich geändert wird?

-Ich sehe die Chancen als relativ hoch an. Ich würde mich für die nächste Generation sehr freuen, wenn es klappt, selbst wenn es nicht von heute auf morgen geht. Den Antrag werden wir über die FN sicherlich stellen können. Aber trotzdem heißt das natürlich noch nicht, dass er dann auch wirklich bearbeitet wird und durchkommt. Aber wenn er schon mal auf dem Tisch liegt und darüber gesprochen wird, ist der erste Schritt getan. Zuerst kommt die Aufklärung, dann kommt die Anpassung.

 

-Die Ergebnisse, die Sie seit der Babypause erzielen, sind top. Liegt das daran, dass Sie sich über den Punktabzug geärgert haben und nach dem Motto 'Jetzt erst recht' in die Prüfungen gegangen sind?

-Für mich war es natürlich ein Ansporn zu zeigen, dass ich mit gutem Grund früher angefangen habe. Ich habe mich fit gefühlt, mein Team hat die Pferde den Winter über hervorragend weiter trainiert. Außerdem habe ich jetzt mit Messi ein Nachwuchspferd, das ich über die vergangenen fünf Jahre behutsam aufgebaut habe. Er ist ein ganz besonderes Pferd mit besonderem Potential, und auf ihn setze ich für die Zukunft.

 

-Wie hoch sehen Sie die Chance, mit Messi auch im August auch bei der Weltmeisterschaft in Herning dabei zu sein?

-Am Anfang der Saison war das mehr ein Traum, da waren meine Ziele kleiner. Ich wollte beim Derby in Hamburg gut sein, um mir eine Startgenehmigung für Aachen erarbeiten zu können. Bisher sind alle Ziele in Erfüllung gegangen, aber Herning ist trotzdem noch einen Schritt zu weit weg. Jetzt kommt erst mal der Große Preis in Aachen. In so eine schwere Prüfung ist Messi noch nie gegangen. 

Ich traue ihm zu, dass er es gut machen wird und dass wir zeigen können, dass wir auf dem Niveau sicher sind. Wenn das gelingt, haben wir auch eine Chance, uns für das Team in Herning zu empfehlen. 

Sie haben den Großen Preis in Aachen 2011 mit Lambrasco, genannt "Mops", schon einmal gewonnen. Damals haben Sie bereits über dem letzten Sprung die Zügel losgelassen und sind freihändig jubelnd ins Ziel galoppiert. 

 

-Was glauben Sie, wie der Jubel wohl diesmal ausfallen würde?

-(lacht) Auf jeden Fall anders, denn wenn ich so auf Messi jubeln würde, würde er mit mir bis nach Hamburg galoppieren. Er ist supersensibel. Da muss man eher gucken, dass man Ruhe bewahrt. Aber ich glaube, ich würde mit einem ziemlich breiten Grinsen ins Ziel galoppieren.

 

Springreiterin Janne Friederike Meyer-Zimmermann, geboren am 12. Januar 1981, ist mehrfache Deutsche Meisterin, Mannschafts-Europameisterin von 2011 sowie Mannschafts-Weltmeisterin von 2010. Ihren größten Einzelerfolg feierte sie mit dem Sieg im Großen Preis von Aachen beim CHIO 2011 auf Lambrasco. Meyer-Zimmermann, die vor den Toren von Hamburg einen eigenen Reitstall betreibt, ist seit Ende Januar 2022 Mutter eines Sohnes.

 

Autor Andreas Sten-Ziemons

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