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Das französische Satireblatt hat es wieder einmal geschafft zu provozieren: Eine Zeichnung nimmt die Opfer der Brandkatastrophe aufs Korn. Und auch diesmal stellt sich die Frage: Was darf Satire?
Den 9. Januar beging die Schweiz als nationalen Trauertag zum Gedenken an die Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana. Dort starben in der Silvesternacht in einer Bar 40 Menschen, die meisten Jugendliche, mehr als 110 wurden teils schwer verletzt. Am selben Tag veröffentlichte das französische Satiremagazin Charlie Hebdo auf seiner Titelseite eine Zeichnung des Karikaturisten Éric Salch. Zu sehen sind zwei offenbar verkohlte Skifahrer mit Verbänden, die eine Piste hinunterfahren.
Die Illustration trägt den provokanten Text: "Les brûlés font du ski - La comédie de l'année" ("Die Verbrannten fahren Ski - Die Komödie des Jahres"). Die Zeichnung bezieht sich eindeutig auf die Brandkatastrophe. Das Bild greift satirisch auf den Titel der französischen Filmkomödie "Les Bronzés font du ski" (wörtlich: Die Braungebrannten fahren Ski; deutscher Filmtitel: "Sonne und Schneegestöber", 1979) zurück - und löste umgehend eine kontroverse Debatte aus.
Empörung und Strafanzeige in der Schweiz
Der Walliser Mitte‑Nationalrat Benjamin Roduit forderte gegenüber dem Nachrichtenportal nau.chein Verkaufsverbot für Charlie Hebdo in der Schweiz: "Zu einer Stunde, in der junge Opfer um ihr Überleben kämpfen, ist das widerwärtig und inakzeptabel. Es ist eine Verletzung der Menschenwürde. Mir fehlen die Worte, um dieses Bild zu beschreiben." Die Schweizer Autorin Béatrice Riand und ihr Ehemann Stéphane, ein Jurist, haben Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft des Kantons eingereicht.
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Sie argumentieren, Salch und Charlie Hebdo hätten gegen Artikel 135 des Schweizer Strafgesetzbuches verstoßen: Er ahndet die Herstellung und Verbreitung gewalttätiger Darstellungen, die die Menschenwürde schwer verletzen. Riand äußerte sich im Schweizer Sender RTS (Radio Télévision Suisse): "Ich finde das zutiefst abscheulich. Die Meinungsfreiheit hat Grenzen. Man macht sich über die Opfer lustig.
Die Frage ist: Hat die Menschenwürde Vorrang vor der Meinungsfreiheit oder nicht?" Opferanwalt Jean‑Luc Addor bezeichnete das Motiv gegenüber dem Nachrichtenprotal nau.ch als "zutiefst schockierend vom unfassbar schlechten Geschmack", er glaubt allerdings nicht, dass eine Strafanzeige erfolgreich sein könnte: "Die Sanktion sollte von den Lesern dieses Magazins kommen."
Wütende Kommentare in den Sozialen Medien
Auch Online empörten sich Tausende User. Sie reagierten in den Sozialen Netzwerken mit wütenden oder sich übergebenden Emojis. Ein Kommentar auf Instagram lautete: "Meinungsfreiheit rechtfertigt nichts. (...) Schämt euch für das, was ihr tut, ihr seid jämmerlich." In einem anderen Kommentar heißt es: "Als ihr eure Toten begraben habt, wurde mit euch geweint ... und wenn andere um ihre Kinder trauern, macht man einen Witz daraus. Was für eine Schande! Wo ist eure Menschlichkeit?"
Der Kommentar bezieht sich auf den Terroranschlag auf das französische Satireblatt 2015. Damals war das Redaktionsbüro von Charlie Hebdo von Islamisten überfallen worden: Sie erschossen zwölf Menschen, darunter fünf prominente Karikaturisten aus dem Redaktionsteam der Zeitschrift und die Herausgeber. Die Satiriker hatten den Hass der Islamisten auf sich gezogen, weil sie Karikaturen, die den Propheten Mohammed zeigten, aus einer dänischen Zeitung übernommen und abgedruckt hatten.
Die Solidarität mit Charlie Hebdo war in Europa damals groß.Jetzt ist dem Magazin also wieder einmal eine aufsehenerregende Provokation gelungen. Hebdo-Chefredakteur Gérard Biard verteidigte die Karikatur in der Sendung "Forum" des Westschweizer Radios und Fernsehens RTS: "Natürlich kann das schockieren, aber Satire soll ja auch schockieren." Man mache sich nicht über die Opfer lustig, sondern zeige die Absurdität der Tragödie. Biard gestand zwar ein, der Zeichner sei "ziemlich weit gegangen”, betonte jedoch: "Schwarzer Humor muss nicht unbedingt angenehm sein."
Satire: Was ist erlaubt?
Die Debatte kreist um die zentrale Frage: Darf Satire alles? Der Duden definiert Satire als "Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und (beißenden) Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt." Dass die Karikatur zur Brandkatastrophe für viele zu weit geht, ist ihr Ziel und Sinn. Befürworter des extremen Satireansatzes haben in der Vergangenheit auf Charlie Hebdos lange Tradition provokanter, oft tabubrechender Darstellungen verwiesen - im Kontext der legislativen Presse- und Meinungsfreiheit.
Der französische Karikaturist Patrick Lamassoure, Präsident des internationalen Pressekarikaturisten-Netzwerkes Cartooning for Peace (Zeichnen für den Frieden), sagte der DW im vergangenen Jahr anlässlich des zehnten Jahrestages des Anschlags auf Charlie Hebdo: "Alles, was ich sage und tue, kann jemanden verärgern - alles. Und die einzige Grenze kann das Gesetz sein, denn über das Gesetz sind wir uns alle einig." Inzwischen hat Charlie Hebdo eine weitere Zeichnung von Salch veröffentlicht. Diesmal mit zwei Armbrustschützen, die die Redaktionsmitglieder töten. Die Überschrift: "Darf man Schweizer beleidigen (blasphemieren)?" - "Die Redaktion durch zwei Armbrustschützen ausgelöscht."
Autorin Katharina Abel
Permalink - https://p.dw.com/p/56mZO


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