Datscha statt Dubai - Russlands Tourismus orientiert sich nach innen

9 Jun

Russland hat viele Sehenswürdigkeiten zu bieten - aber gibt es derzeit überhaupt Touristen, die sie anschauen?

 

Ein Russe ist, wer eine Datscha hat. Kleine Obst- und Gemüsegärten außerhalb der Großstädte haben schon immer den Menschen von Kaliningrad bis Wladiwostok geholfen, Lebensmittelkrisen und andere schlechte Zeiten durchzustehen. Im Corona-Lockdown waren sie als sichere Rückzugsorte gefragter denn je. Jetzt dienen die Datschen Millionen Russen als einziger Urlaubsort.

Denn seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine können russische Touristen kaum noch ins Ausland reisen. Der europäische Himmel bleibt für russische und der russische Himmel für europäische Flugzeuge geschlossen. Lange teure Umwege kann und will sich nicht jeder leisten. Und seit Russland aus dem internationalen Geldtransfersystem SWIFT ausgeschlossen wurde und westliche Kreditinstitute wie Visa und Mastercard ihre Zusammenarbeit mit Russland einstellten, können russische Touristen im Ausland ihre Rechnung nur noch bar bezahlen.

Flusskreuzfahrten hoch im Kurs

Wem aber eine Datscha zu klein ist, der macht Urlaub im eigenen Land. Im flächenmäßig größten Land der Welt gibt es genug Abwechslung. Verkaufsschlager sind zurzeit Flusskreuzfahrten, sagt Anastasia Kisiljowa von der Petersburger Reiseagentur Infoflot gegenüber der DW. "Bei den Buchungen für die nächsten Monate beobachten wir einen Zuwachs von 40 bis 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr." Schon jetzt seien alle Rekorde der vergangenen 15 Jahre gebrochen, resümiert Kisiljowa. 30 Prozent aller Gäste buchten zum ersten Mal so eine Flussfahrt.

Kreuzfahrten rund um den sogenannten Goldenen Ring sind dabei besonders beliebt. Diese touristische Reiseroute führt durch altrussische Städte nordöstlich von Moskau. Entstanden zwischen dem 11. und 17. Jahrhundert waren die Siedlungen Schauplätze bedeutender Ereignisse in der Geschichte Russlands und haben bis heute viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, insbesondere Kirchen und Klöster.

Stadtführerin Anastasia Androsowa aus Samara an der Wolga freut das. Im DW-Gespräch sagt sie, dass immer mehr Russen sich für das eigene Land interessieren: "Auch Einwohner von Samara wollen plötzlich ihre eigene Stadt neu entdecken." Gleiches gilt auch für die russische Schwarzmeerküste in der Region Krasnodar, die traditionell gefragt ist, obwohl dort die meisten Flughäfen seit Kriegsbeginn aus Sicherheitsgründen geschlossen sind.

Anders sieht es bei den Reisen auf die Krim aus. Bis zu einem Drittel aller Hotels und Gasthäuser würden im Sommer nicht einmal öffnen können, schätzt die russische Zeitung "Kommersant" ein. Viele Touristen würden auf die Reisen in die von Russland annektierte Halbinsel verzichten, weil der Flughafen Simferopol nach Kriegsbeginn geschlossen worden sei, die Bahntickets nicht ausreichten und weil sie Angst vor dem Krieg in der benachbarten Ukraine hätten.

Weniger Russen machen Urlaub im Ausland

Schlecht sieht es auch für den russischen Tourismus im Ausland aus. Eingeschränkte Flüge und deutlich höhere Preise hätten zum Beispiel im März bis zu vier Mal weniger Touristen aus Russland in der Türkei geführt, konstatiert die Russische Reiseanbieter-Union. Das gilt sogar für betuchte Russen. Dreimal weniger Business-Klasse- und Fünf-Sterne-Hotel-Liebhaber als vergangenes Jahr gab es im März und April. Dabei gilt der sogenannte VIP-Tourismus als besonders stabil. Maja Lomidze von der Russischen Reiseanbieter-Union erklärt das gegenüber Forbes mit "politischen Tendenzen" der vergangenen Monate. Dagegen sei die Zahl der sehr reichen Russen gewachsen, die längerfristig ins Ausland reisen wollen.

Mit dem boomenden Innen- und dem abnehmenden Außentourismus scheint es sich wie 2014 zu verhalten, als der Westen Russland wegen der Krimannexion mit Sanktionen bestrafte und Moskau Gegensanktionen gegen den Westen einführte. Dazu gehörte das Einfuhrverbot für ausländische Lebensmittel wie Käse oder Äpfel. Der einheimischen Lebensmittelindustrie wurde mit staatlichen Finanzspritzen geholfen. Der russische Verbraucher vermisste zwar zuerst den französischen Camembert, freute sich aber schon bald auf neue einheimische Käsesorten. Ob diese Orientierung nach innen jetzt auch den russischen Tourismus rettet, wird sich zeigen. Den Blick der Russen auf die Außenwelt jedenfalls rettet er nicht, denn zumindest die westliche Welt bleibt für die meisten von ihnen erst einmal verschlossen.

Kaum noch Ausländer in Russland

Der Inlandstourismus boomt also, Touristen aus dem Ausland kommen zurzeit aber nur wenige nach Russland. Und das kriegen viele touristische Anbieter deutlich zu spüren. Nach dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar soll es massenhafte Stornierungen gegeben haben, so Marina Lewtschenko von der Reiseagentur Tari Tur gegenüber dem russischen Reiseportal TourDom.ru: "Wir müssen leider feststellen, dass die Sommersaison am Rande des Zusammenbruchs ist. Unsere Hotelmanager in den Buchungsabteilungen sitzen einfach da und heulen. Ich denke, nach uns werden die Hotels heulen, die Touristen aus dem Ausland erwartet haben."

Nach der Internationalen Reisemesse in Madrid Ende Januar dieses Jahres hätte es noch Hoffnung gegeben, so Lewtschenko: "Wir haben gesehen, dass Europa wieder erwacht. Wir sahen auch Interesse an Russland. Leider hat aber die Politik den letzten Nagel in den Sarg geschlagen. Der Sommer wird schwer. Es ist einfach nur traurig."

 

Autor Juri Rescheto

Permalink - https://p.dw.com/p/4C1te


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