Der Sonntagsspaziergang: Ode an ein deutsches Ritual

27 Mai

Die Deutschen sind in der Welt für ihre Wanderlust bekannt. Und damit hat auch eines der schönsten wöchentlichen Rituale zu tun, das die deutsche Kultur zu bieten hat: der Sonntagsspaziergang im Kreise seiner Liebsten, abgerundet von Kaffee und Kuchen.

 

Auch nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie war er eine gute Möglichkeit, der Enge der heimischen vier Wände zu entfliehen, ohne sich dabei allzu vielen Viren auszusetzen. 

Sonntagsspaziergang statt "Sunday roast"

Aus meiner Kindheit in den USA kannte ich es sonntags weniger gemächlich. Dort ging es eher deftig zu: Das Wochenende wurde mit einem "Sunday roast", der amerikanischen Variante des Sonntagsbratens, und einem Fußballspiel im Fernsehen beendet. Für mich war das nichts, und ich zog mich lieber mit einem guten Buch zurück.

Ab und zu machten wir mit der Familie, vor allem im Herbst, einen Spaziergang im Wald. Oder aber ich zog alleine los und ging eine Runde um den Block. Einmal wurde ich mit einer Freundin während eines Spaziergangs von einem heftigen Sommerregen überrascht. Dieses Naturereignis ist mir unvergesslich geblieben. Ein kleiner, verschwommener Splitter auf einer langen Zeitachse.

Sprung über den Atlantik

Szenenwechsel: Nachdem ich die Uni in den USA abgeschlossen hatte, zog ich nach Deutschland, nach Köln, um. Dort wurde ich in dieses wundervolle Ritual der Sonntagsspaziergänge und des anschließenden Kuchenessens eingeführt. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie lief der Sonntag für mich immer ähnlich ab: Morgens lange ausschlafen und lesen (es sei denn man hat kleine Kinder), es folgte ein ausgedehntes Frühstück, zur Messe gehen (oder auch nicht). Mittags gemeinsam essen im Kreis der Familie, um dann am Nachmittag zu einem ausgedehnten Spaziergang aufzubrechen. Im Schlepptau: Familienmitglieder, Freunde und alle, die es werden wollten. Man erzählte sich gegenseitig aus dem Leben, genoss Luft und Landschaft und freute sich über das wallende Blut in den Adern.

Im Laufe meiner Jahre in Deutschland habe ich festgestellt, dass viele Menschen, die nicht regelmäßig am Sonntag in die Kirche gehen, ihren wöchentlichen Ruhetag dennoch auf ihre Art religiös betrachten. Als eine Art, "mit dem Universum zu kommunizieren", wie mir jemand mal erklärt hat. Für meinen Schwiegervater zum Beispiel war der besinnliche Spaziergang durch den Wald ein individueller Ersatz des Kirchgangs.

Und zum Abschluss Kuchen

Der Sonntagsspaziergang ist stets sehr wohltuend. Sowohl die Bewegung als auch die Zeit, die man mit den Gesprächen verbringt. Danach muss man kein allzu schlechtes Gewissen haben, wenn man sich in einem Café mit kalorienreichen Backwaren verwöhnt und dabei eine Tasse Kaffee nach der anderen zu sich nimmt. Eine herrliche, man könnte sagen, von der Tradition verordnete Völlerei.  

Oft wird nicht nur ein durchaus wohlschmeckender Apfel- oder Marmorkuchen serviert, sondern sogar eine aufwendige Torte, die aus mehreren Schichten von Böden, Keksen und Sahne besteht, die von köstlichen Schokosplittern oder liebevoll mit Obst garniert ist. Meine deutsche Schwiegermutter war besonders talentiert in der Herstellung von Torten, die im Hinblick auf die Kalorienbilanz ganze Mahlzeiten ersetzen konnten.

Mittlerweile habe ich in meinen 30 Jahren in Deutschland so viele Sonntagsspaziergänge im Park oder im Wald unternommen - sie sind keine kleinen Schnipsel auf der Zeitachse mehr, sie wurden zu einem wesentlichen Teil meines Alltags in Deutschland: die Spaziergänge mit Freunden, bei denen wir uns nach arbeitsreichen Wochen auf den neuesten Stand bringen, mit meinen Schwiegereltern im Anschluss an Familientreffen, mit meinem Mann - der süße Geschmack von Kuchen ist dabei eine fast immer verlässliche Größe. Diese Sonntagsrituale haben in mir nicht nur ein warmes, behagliches Gefühl ausgelöst: Ich habe auch oft das Gefühl gehabt, dass ich durch diese langen Spaziergänge viele meiner privaten Probleme bewältigen konnte.

Im Laufe der Jahrhunderte

Mit dieser Liebe zum Sonntagsspaziergang bin ich wirklich in bester Gesellschaft. Für den deutschen Komponisten Ludwig van Beethoven waren vor allem lange Spaziergänge durch die Natur eine Quelle der künstlerischen Inspiration. Zunächst in seiner Heimatstadt Bonn, später dann am Wiener Stadtrand, um dem Lärm und der schlechten Luft der Industrialisierung zu entfliehen.

Bei seinen Ausflügen zog er Stift und Papier hervor, um seine musikalischen Ideen zu notieren. Diese Ideen gipfelten in Meisterwerken wie seiner 1808 vollendeten Sechsten Symphonie, auch als Pastorale Symphonie bekannt. Sie ist eine Hommage an die Natur und integriert natürliche Geräusche, wie zum Beispiel Wasserrauschen, Vogelstimmen und Gewitter.

Während die englische Redewendung "It's not a walk in the park" impliziert, dass etwas nicht einfach ist, hat der "Sonntagsspaziergang" in Deutschland eine positive Anmutung. Es gibt Kunstwerke zur Huldigung des Sonntagsspaziergangs wie beispielsweise das gleichnamige Gemälde von Carl Spitzweg aus dem Jahr 1841. In der Literatur gibt es sogar die Variante des "Osterspaziergangs", also der Spaziergang am Ostersonntag - so taufte der Ausnahmedichter Johann Wolfgang von Goethe einen Auftritt im ersten Teil seiner Tragödie "Faust".

Vielleicht sind der Sonntags- und der Osterspaziergang eine Art moderne Version des biblischen Gangs nach Emmaus aus dem Lukas-Evangelium: Dabei treffen zwei Jünger, die die Auferstehung Jesu anzweifeln, einen Fremden, der sich später als Jesus selbst herausstellt.

Vor Jahrhunderten, als in Europa Parks und Promenaden angelegt wurden, schlenderten die Aristokraten im Freien umher, um sich zu entspannen und zu plaudern. Eine Angewohnheit, die sich im 18. und 19. Jahrhundert auch in der Mittelschicht wachsender Beliebtheit erfreute. Auch Deutschlands Kurorte leisteten ihre Beitrag dazu, dem Spazierengehen noch mehr Würde zu verleihen. An der Universität Kassel ist sogar ein Studienfach entstanden: die Promenadologie, auch Spaziergangswissenschaft genannt, wurde dort in den 1980er-Jahren ins Leben gerufen.

Schnellvorlauf zu Netflix und TikTok

Jahre später, nachdem unsere Zwillinge geboren worden waren, unternahm meine Familie noch immer diese meist sonntäglichen - aber manchmal eben auch samstags stattfindenden - Spaziergänge. Dabei haben wir zwar meist nur geringe Distanzen zurücklegen können, da Kleinkinder alles um sich herum untersuchen wollen, aber diese kleinen Exkursionen waren immer ein zentraler und erfüllender Teil unseres Lebens. Der Kuchen danach sowieso.

In den letzten Jahren ist es immer schwieriger geworden, unsere mittlerweile zu Teenager herangewachsenen Kinder am Sonntag zu einem Familienspaziergang zu motivieren. Die anschließenden Süßigkeiten waren allerdings nach wie vor eine verlässliche Form der Bestechung.

Angesichts des deutlich gestiegenen Medienkonsums und des zunehmenden Bewegungsmangels bei Kindern, fühlte ich mich in der Pflicht, das Ritual des Wochenendspaziergangs am Leben zu erhalten - und es natürlich weiterzugeben. Der Spaziergang ist Erleichterung und Stärkung zugleich, er war der Motor unseres familiären Zusammenlebens.

Ein Blick in die Zukunft

Inzwischen haben meine Kinder ihre eigenen Spaziergangsrituale entwickelt. In der letzten Zeit waren das etwa die Demonstrationen von "Fridays for Future". Sie sindvielleicht weniger meditativ und besinnlich, dafür umso politischer. Schulkinder setzen sich für die Natur, für die Umwelt in Bewegung. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass sich der Kreis der Dinge schließt. Ich genieße es, meine Kinder zu den "Fridays-for-Future"-Demonstrationen zu begleiten, denn so habe ich das Gefühl, dass all die früheren Spaziergänge in Parks und Wäldern nicht umsonst gewesen sind.

 

Autorin Louisa Schaefer 

Permalink - https://p.dw.com/p/3ZajJ


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