Deutsche Welle zeigt zeitgenössische afrikanische Kunst

26 Jun

Dicke, schwarze Linien auf weißem Grund: ein Auge inmitten eines Sterns, das aus der Leinwand herausschaut. Das Bild starrt zurück, es betrachtet den Betrachter. Das Werk ohne Titel stammt vom 2017 verstorbenen senegalesischen Künstler Issa Samb, bekannt als Joe Ouakam, einer der wichtigsten Intellektuellen, Philosophen und Künstler im Senegal.

 

Es ist eines aus einer Reihe zeitgenössischer Werke von fünf westafrikanischen Künstlerinnen und Künstlern, die als Teil einer "Sammlungs-Preview" unter dem Titel "Past's Tomorrow / Today's Future" im Rahmen des Global Media Forums 2022 gezeigt wurden. Noch bis zum 20. September 2022 sind sie im Funkhaus der DW in Bonn zu sehen. Die Deutsche Welle hatte seit 2016 ihre Kunstsammlung um zeitgenössische afrikanische Positionen erweitert.

Die dort gezeigten Künstlerinnen und Künstler agieren heute global: So studierte der Künstler Soly Cissé erst bildende Kunst in seiner Heimatstadt Dakar, dann in Brüssel. Heute lebt er in Dakar und Paris. Auch sein Kollege Serigne Mbaye Camara hat im Senegal und in Frankreich Kunst studiert, inzwischen lehrt er in Dakar. Der Fotokünstler Akinbode Akinbiyi, ebenfalls in der "Preview" vertreten, wurde in Oxford geboren, wuchs in England und Lagos auf und studierte in Ibadan, Lancaster und Heidelberg.

Globaler Austausch in der Kunst: seit den 1960ern vernetzt

Diese transnationalen Verflechtungen zeugen von einem Phänomen, das in den 1960er-Jahren begründet liegt, dem Jahrzehnt, in dem viele afrikanische Staaten unabhängig wurden. In den zwei Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es nicht nur die Kunstbewegung der "Nouvelle École de Paris", sondern auch die "École de Dakar" im Senegal, eine in den 1960ern gegründete Kunstschule und Bewegung, die afrikanische künstlerische Gegenwartspositionen formulierte und förderte.

Sie äußerte nach dem Zweiten Weltkrieg Kritik an den "ideologischen Systemen und ausschließenden Zeitkonzeptionen des kolonialen Westens", schreibt die Kuratorin Angela Stercken im Ausstellungstext. Entscheidende Impulse für den deutschen Kunstbetrieb gaben in diesem Zusammenhang Okwui Enwezors Ausstellung "Short Century" (2001) und die documenta11 im Jahr 2002, deren künstlerischer Leiter der nigerianische Kurator war. 

Dabei fußt der künstlerische Austausch zwischen Afrika und Europa auf einer langen Tradition: zum Beispiel durch Kunstfestivals in den 1960er-Jahren in Lagos und Algier, auf denen Werke afrikanischer und diasporischer Gegenwartskünstlerinnen und -künstler teils auch in direkter Nachbarschaft zu Positionen aus Europa ausgestellt wurden. Das war in den Jahrzehnten zuvor unüblich. Angela Sterckens Ziel ist es, diese globalen Verbindungslinien seit den 1950ern und 1960ern sichtbar zu machen.   

Die Deutsche Welle legte in den 1960er-Jahren eine kleine Sammlung zeitgenössischer Kunst an, vor allem mit Kunstwerken aus Deutschland und Europa. Diese Sammlung war seit 2016 um die Werke 20 afrikanischer Künstlerinnen und Künstler erweitert worden. Ziel sei es gewesen, so die Kuratorin Stercken während der "Preview"-Eröffnung am 20. Juni 2022 in Bonn, eine vormals eurozentrisch geprägte Sammlung kritisch zu reflektieren und durch afrikanische Gegenwartspositionen für eine gemeinsame, globale Zukunft zu öffnen. 

Im Vorfeld des "Sammlungs-Preview" wurde in deutschsprachigen Medien kritisiert, dass die Deutsche Welle als Kunstsammlerin tätig sei. Auch am Ausschreibungsverfahren zur kunsthistorischen Beratung gab es Kritik. Im Mai 2022 klagte das Magazin "Vice" gemeinsam mit der Organisation "Frag den Staat" im Rahmen des Informationsfreiheitsgesetzes auf Akteneinsicht gegen die DW. Das Ergebnis steht noch aus. Die DW wollte sich zu laufenden Verfahren nicht äußern. Peter Limbourg, Intendant der DW, hielt bei der Eröffnung fest, dass die Sammlungs-Erweiterung mit dem Erwerb der afrikanischen Positionen nun abgeschlossen sei.

Wenig zeitgenössische afrikanische Kunst in deutschen Museen

Im Vergleich zu den französisch- und englischsprachigen Nachbarn hinken manche Museen in Deutschland noch hinterher, wenn es darum geht, afrikanische Gegenwartskunst zu sammeln und sie in ihren globalen Verflechtungen zu zeigen, so wie es in der "Tate Modern" in London oder im "Centre Pompidou" in Paris üblich ist.

Die ehemaligen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich mussten sich schon früher über ihr Verhältnis zu den ehemaligen Kolonien klarwerden als Deutschland. Deutsche Museen begannen erst vor gut einem Jahrzehnt, Barrieren abzubauen und die afrikanischen Künstler als Teil eines globalen Gefüges gegenseitiger Beeinflussungen und Verflechtungen wahrzunehmen und auszustellen. 

Afrikanische Künstlerinnen und Künstler blicken optimistisch in die Zukunft

Bei einem Panel-Gespräch auf dem "Global Media Forum 2022" äußerten sich afrikanische Kreative zur Situation der zeitgenössischen Kunst Afrikas in der Welt. Die Fotografin Angèle Etoundi Essamba, geboren in Kamerun, ausgebildet in Frankreich und wohnhaft in Amsterdam, betrachtet die Situation zeitgenössischer afrikanischer Künstler optimistisch. "Es stimmt, dass man seit mehr als 20 Jahren eine sehr lebendige afrikanische zeitgenössische Kunstszene wahrnehmen kann", sagte sie und nannte als Beispiel die vermehrte Präsenz afrikanischer Positionen auf der Biennale. "Die Werke der Künstler reisen, das ist sehr wichtig, um diesen aktuell sprudelnden Quell zeitgenössischer afrikanischer Kunst zu unterstützen."

Akinbode Akindiyi, dessen Werke Teil des "Sammlungs-Previews" der DW sind, äußerte sich auf demselben Panel ebenfalls zuversichtlich über die Zukunft junger Künstlerinnen und Künstler vom afrikanischen Kontinent: "Es ist Schwung in die Sache gekommen, und er hält an und wird stärker, eigentlich schon seit den 60ern, 70ern, 80ern." Akindiyi wies darauf hin, dass das für viele künstlerische Sparten gilt: "Es gibt auch Autoren und Filmemacher auf dem ganzen Kontinent, immer mehr und mehr. Es ist ein guter Zeitpunkt für afrikanische Kunst."

Werke aus der Kunstsammlung der DW von Serigne Mbaye Camara, Soly Cissé, Akinbode Akinbiyi, Frédéric Bruly Bouabré und Issa Samb alias Joe Ouakam sind bis zum 20. September 2022 im DW-Funkhaus in Bonn zu sehen.

 

Autorin Christine Lehnen    

Permalink - https://p.dw.com/p/4CwWv


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