Die im thüringischen Gotha tagende Mitgliederversammlung des PEN-Deutschland

24 Mai

Die im thüringischen Gotha tagende Mitgliederversammlung des PEN-Deutschland hat mit großer Mehrheit für den österreichischen Schriftsteller Josef Haslinger als Interims-Präsidenten gestimmt, teilte ein Sprecher des Schriftstellerverbandes mit. 

 

Der 66-jährige Haslinger war bereits von 2013 bis 2017 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland. Er soll nun zusammen mit einem Notvorstand bis zur Neuwahl der Führungsriege auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung in einigen Monaten die Geschäfte der Schriftstellervereinigung führen.

Auf Haslinger entfielen den Angaben zufolge 133 Ja-Stimmen von insgesamt 145 abgegebenen gültigen Stimmzetteln. In den Notvorstand wurden neben Haslinger die Autorin Claudia Guderian, die Schriftstellerin Maxi Obexer, die Journalistin Cornelia Zetzsche, der Schriftsteller Leander Sukov und die Regisseurin Astrid Vehstedt gewählt. Nur Vehstedt hatte auch dem alten Vorstand angehört.

Deniz Yücel und Vorstand zurückgetreten

Nach einer turbulenten Sitzung am Vortag, in dessen Zuge der Journalist Yücel zunächst knapp im Amt als Präsident bestätigt worden war, dann aber selbst zurück- und aus dem Verband austrat, war am Samstag auch der verbliebende Vorstand zurückgetreten. Der 48-jährige Ex-Präsident des PEN-Deutschland, der ein Jahr wegen angeblicher Terrorpropaganda in türkischer Untersuchungshaft saß, hatte hingeschmissen, weil er keine "prominente Galionsfigur einer Bratwurstbude" sein wolle, so seine Wortwahl.

Hintergrund des ganzen Aufruhrs ist ein Streit im bisherigen Vorstand sowie Kritik am Führungsstil einzelner Vorstandsmitglieder. Vorwürfe von Mobbing, Beleidigungen und einem rüden Umgangston stehen im Raum. Stein des Anstoßes war ein an Dritte weitergeleiteter umfassender interner Mailverkehr. Der bisherige Vorstand um Yücel war erst im Oktober gewählt worden.

"Beschämend, unwürdig, schäbig"

Zahlreiche Mitglieder, die der Versammlung des deutschen PEN-Zentrums beiwohnten, sind nach wie vor entsetzt über die Grabenkämpfe zwischen Yücel-Kritikern und seinen Unterstützern. Sie empfanden sie als "beschämend", "unwürdig" und "schäbig". In der Aussprache am Samstag (14.05.2022) war von "toxischer Männlichkeit" und "einer Riege alter westdeutscher Herren" die Rede, die persönliche Eitelkeiten vor die politische Wirksamkeit des Vereins stellten.

Yücel sprach nach seinem Rücktritt von einer Diskrepanz zwischen der PEN-Vergangenheit mit großen Namen und der Gegenwart, in der "Selbstdarsteller und Wichtigtuer" den Verein als Bühne missbrauchten und für die verfolgte Autoren nur Beiwerk seien.

Fest steht: Das Zerwürfnis der inzwischen zurückgetretenen alten PEN-Spitze hat tiefe Wunden in der Schriftstellervereinigung gerissen. Sie steht vor einem Scherbenhaufen, die Heilung wird dauern. Forderungen nach Erneuerung und Verjüngung des Vereins werden laut - und ein solcher Neubeginn ist auch dringend nötig, denn nicht wenige PEN-Mitglieder denken über einen Austritt nach.

Forderung nach Verjüngung des Vereins

Für die Schriftstellerin Julia Franck waren die "Gefechte" in Gotha ein regelrechtes "Höllenspektakel". Daran wolle sie sich nicht beteiligen. "Wir brauchen einen Neuanfang mit jüngeren Leuten nach diesem Desaster, wir steuern ins Nirwana", sagte PEN-Mitglied Herbert Wiesner. Und seine Kollegin Thea Dorn gab zu Protokoll, für sie mache ein Verbleib im PEN nur Sinn, wenn sich die Vereinigung radikal neu aufstelle. Er wolle diesen Neustart vorbereiten, so der frisch gewählte Interims-Präsident Josef Haslinger.

Das PEN-Zentrum Deutschland mit seinen rund 770 Mitgliedern ist eine von derzeit 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN-International zusammengeschlossen sind. Der Name steht für "Poets, Essayist, Novelists". Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung sieht sich als Anwalt des Freien Wortes sowie als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller.

 

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