Die Passionsspiele von Oberammergau sind wieder da

15 Mai

"Es hat wieder alle gepackt", verkündete Spielleiter Christian Stückl, bevor sich am 14. Mai der Vorhang zur diesjährigen Premiere hebt. 

 

Längst grassiere im bayerischen Oberammergau wieder das Passionsfieber, sagt Stückl. Bis zum 2. Oktober klettern die Oberammergauer nun fast täglich auf die riesige Freilichtbühne und erzählen singend, musizierend und schauspielernd die Geschichte von Jesus Christus, seinem Leben und Sterben und der Auferstehung.

Selbst das Coronavirus hat die - ursprünglich für 2020 geplanten - 42. Passionsspiele nicht aufhalten können, mit denen die Oberammergauer bis heute ein altes Gelübde von 1633 erfüllen. Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) waren 84 Menschen aus dem kleinen Ort an der Pest gestorben.

Darauf gelobten die Dorfbewohner, alle zehn Jahre die Leidensgeschichte Jesu aufzuführen, auf dass Gott der Krankheit ein Ende bereite. Anders als heute gab es im Mittelalter keine Impfstoffe, Masken und Abstandsgebote. Die Menschen hatten einzig ihre Gebete.

Passionsspiel ist Kulturerbe

Noch heute wirkt etwa die Hälfte der Einwohner als Laiendarsteller im Chor oder im Orchester mit. Die fünfstündige Aufführung beginnt nachmittags mit dem Einzug in Jerusalem und erzählt die Passionsgeschichte über das Abendmahl bis hin zur Kreuzigung. Sie endet in den Abendstunden mit der Auferstehung. Vom 14. Mai bis 2. Oktober gibt es 103 Vorstellungen. Nur montags und mittwochs ist spielfrei.

Die Spielleitung hat zum vierten Mal in Folge Christian Stückl übernommen. Für das Bühnenbild zeichnet Stefan Hageneier verantwortlich, für die Musik Markus Zwink. Manches Ritual des Theaterspektakels wirkt aus der Zeit gefallen: Alle Männer, außer jenen, die einen Römer verkörpern, lassen verpflichtend von Aschermittwoch des Vorjahres an ihre Haare und Bärte wachsen, um beim Spiel echter zu wirken. Jeder der rund 5400 Einwohner darf mitspielen - die erwachsenen Darsteller müssen aber seit mindestens 20 Jahren in Oberammergau leben. Alle Rollen werden doppelt besetzt. Somit steht etwa die Hälfte des Dorfes auf der Bühne, darunter fast 500 Kinder.

Judas - gespielt von einem Muslim

Eine Besonderheit gibt es allerdings bei den diesjährigen Passionsspielen: Mit Cengiz Görür übernimmt erstmals ein Oberammergauer Muslim die Rolle des Judas, neben Jesus die begehrteste der 21 Hauptrollen. Noch vor 30 Jahren durfte bei den Passionsspielen in Oberammergau nur mitspielen, wer katholisch war. "Als Kind wusste ich nicht genau, wer Jesus und wer Judas ist", sagte Görür kürzlich dem "Spiegel". "Es ist eine Rolle, und ich habe mich gut vorbereitet."

Das für die Passion errichtete Schauspielhaus hat 120 Jahre auf dem Buckel und fasst knapp 5000 Besucher. Es steht - wegen seiner besonderen Konstruktion und Technik - unter Denkmalschutz, auch aufgrund seiner historischen Bedeutung für das Volks- und Laientheater.

Das Passionsspiel selbst wurde 2014 von der Weltkulturorganisation UNESCO in die Liste des Immateriellen Erbes der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen.

Mit der Bahn kam die Berühmtheit

Bekanntheit über die Landesgrenzen hinaus erlangte das Freiluftspiel, das heute normalerweise alle zehn Jahre Millionen in die Gemeindekasse spült, im 19. Jahrhundert. Der Ausbau der Bahnstrecke bis zum benachbarten Murnau hatte die Anreise schlagartig erleichtert. Das Londoner Reisebüro Thomas Cook sorgte zusätzlich für internationale Gäste. Berühmtheiten wie Franz Liszt, Richard Wagner, Max Reinhardt, John D. Rockefeller und Henry Ford gaben sich auf einmal in Oberammergau die Ehre.

Frederik Mayet ist neben Rochus Rückel einer der beiden Jesus-Darsteller von Oberammergau. "Vor zwei Jahren waren wir kurz vor der Premiere und auf einmal kam Corona in die Welt und hat unser Leben extrem bestimmt", sagt der Schauspieler. "Jetzt kommt der furchtbare Krieg in der Ukraine dazu." Dadurch habe sich der Blick auf das Spiel, auf Jesus und auf seine Botschaft verändert, aber: "Ich glaube, die Botschaft des Passionsspiels ist immer relevant."

Zu den ersten Sätzen, die er und Rückel auf der Bühne sprechen, gehören diese: "Es herrscht eine Zeit der Angst in Israel. Kriegsgeschrei erfüllt das Land, Armut und Krankheit raffen euch dahin." Die aktuelle Krise zeige, was Armut und Krankheit bedeuteten und wie klein der Mensch sei. "Und trotz des medizinischen Fortschritts auch nicht viel weiter als vor 2000 Jahren", so der Jesus-Darsteller, "oder vor 400 Jahren, als hier in Oberammergau die Pest ausbrach."

Jesu Todeskampf am Kreuz

Im Passionsspiel hängen beide gut 20 Minuten am Kreuz, die Körper mit Schlaufen und Seilen an Nägeln gesichert. "Es ist ziemlich unangenehm da zu hängen, so ausgesetzt und halb nackt", sagt Jesus-Darsteller Mayet. Jesus spricht die letzten Worte am Kreuz, vollführt Zuckungen im Todeskampf. Es kann etliche Minuten dauern, in denen er sich nicht bewegen darf, bis er schließlich vom Kreuz abgenommen wird. "Das ist manchmal ziemlich anstrengend."

Auch in diesem Jahr eilt dem Passionsspiel sein besonderer Ruf voraus. Seit Monaten schon wird die Werbetrommel gerührt. Trotzdem sind - laut Veranstalter - noch Eintrittskarten zu haben. Vor zehn Jahren pilgerten rund 500.000 Menschen aus aller Welt zu dem Großereignis. Wegen der Corona-Pandemie hat es in Oberammergau in den vergangenen beiden Jahren kein Theater gegeben, kein Konzert. Der Trachtenverein hat keine Gartenfeste gemacht, es gab kein Krippenspiel, die Restaurants waren teilweise monatelang geschlossen. Das gesellschaftliche Leben lag brach. Nun wendet sich das Blatt. Die Passionsspiele von Oberammergau sind zurück.

 

Autor Stefan Dege (mit Agenturen)

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