Diversität feiern - mit Achtsamkeit

1 Jun

Vor sechs Jahren sind mein Mann und ich nach Bonn im westdeutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen gezogen. 

 

Wir taten, was wir immer taten, wenn wir in eine neue Umgebung kamen: Wir versuchten uns zu integrieren. Wir fanden schnell heraus, dass eines der Highlights des katholisch geprägten rheinischen Kalenders der Karneval ist. Er erreicht seinen Siedepunkt in der Woche vor dem Aschermittwoch, der wiederum den Beginn der christlichen Fastenzeit markiert, 40 Tage vor dem Osterfest. Sich zu kostümieren ist ein wichtiger Bestandteil dieses fröhlichen Treibens.

Jeder der mich kennt, weiß, dass ich keine Gelegenheit auslasse, mich zu verkleiden. Also gingen wir in ein Karnevalsgeschäft, um zu sehen, was es so gab. Es war für jeden etwas dabei: knallbunte Disco-Klamotten, silberne Raumanzüge, von sexy Krankenschwester bis zum Nonnenkostüm, vom Känguru zum Eichhörnchen und... Saris.

Meine Kultur, dein Kostüm

Saris? Ich musste zweimal hinschauen. Denn dort hing nicht nur ein Stück Stoff; es war ein Kleidungsstück, mit dem ich mich als Malaysierin indischer Abstammung identifiziere. Genauer gesagt erinnern mich Saris an meine verstorbene Mutter, die sie täglich trug. Ob sie Kleider am Waschbrett ausschlug, Eier aus dem Hühnerstall holte oder Gewürze mit dem Mörser zerrieb - sie erledigte ihre Hausarbeit stets in luftigen Saris aus Baumwolle, die zum tropischen Klima unserer Heimat passten. Ihre schickeren, üppigeren Seide-Saris hob sie sich für Hochzeiten, besondere Anlässe und die Sonntagsmesse auf.

Daher war es etwas verstörend, Saris als Kostüme zu sehen, die dafür da waren, sich als "Narr" zu inszenieren, wie Karnevalsfeiern oft beschrieben werden. So wie es mich in den Neunzigern verstört hatte, Gwen Stefani mit einer Stirn voller Bindis zu sehen - den "Punkten", die indische Frauen zwischen den Augenbrauen tragen und die eine tiefere kulturelle und religiöse Bedeutung haben.

Leben und leben lassen

Ich haben zwar den Ausdruck "verstört" gewählt, aber ich fühlte mich nicht angegriffen. Vielleicht, weil ich selbst gerne zu besonderen Anlässen Sari trage. Ich ziehe sie bei Hochzeitsfeiern, kulturellen Festen und kulturübergreifenden Veranstaltungen an. Meine Alltagskleidung ist, was man im Osten als "westlich" bezeichnet - Röcke, Kleider, Jeans und T-Shirts. 

Vielleicht kommt meine "Leben und leben lassen"-Mentalität auch daher, dass ich in einer multikulturellen Gesellschaft aufgewachsen bin, in der wir uns immer wieder gegenseitig Elemente aus unseren verschiedenen Kulturen "ausgeliehen" haben - sei es in Bräuchen, in der Küche oder in Sachen Mode. 

Es wird sogar als ein Zeichen des Respekts gesehen, wenn man bei einer kulturellen oder religiösen Veranstaltung Kleidung verschiedener malaysischer Volksgruppen anzieht. Das erklärt vielleicht auch meinen ersten Enthusiasmus, mir ein Dirndl zu besorgen, als ich nach Deutschland kam - nur um mir dafür den trockenen Kommentar meines hessischen Mannes einzufangen: "Wir sind keine Bayern." 

Er gab mir damit einen Denkanstoß: Was würde wohl ein Bayer von mir halten, wenn ich im Dirndl herumspringe?

Stört dich mein Unbehagen?

Damit kommen wir zum vielschichtigen Thema der kulturellen Aneignung. Das Oxford Dictionary definiert sie als "unbewusste oder unangemessene Übernahme von Bräuchen, Praktiken, Ideen usw. eines Volkes oder einer Gemeinschaft durch Mitglieder einer anderen, oft dominanteren Gemeinschaft." Im Fashion-Bereich gerieten bekannte Marken und Persönlichkeiten schon oft unter Kritik, weil sie sich Symbole, Muster, Schmuck oder Kleidung aus anderen Kulturen angeeignet hatten. 

2020 schrieb die mexikanische Kulturministerin Alejandra Frausto Guerrero einen offenen Brief an die französische Modedesignerin Isabel Marant. Im Bezug auf ihre Herbst-Winter-Kollektion 2020/21, die typische Designs der Purépecha-Kultur aus der mexikanischen Region Michoacan verwendete, schrieb Guerrero: "Einige Symbole, die Sie verwendet haben, haben eine große Bedeutung für diese Kultur (...). Diese Symbole sind sehr alt und wurden dank der Erinnerung ihrer Kunsthandwerker bewahrt. Ich frage Sie, mit welchem Recht Sie einen Gemeinschaftsbesitz privatisieren. (...) und inwiefern dies den Gemeinschaften hilft, die ihn erschaffen haben." Marant hat sich später entschuldigt. 

2021 wurde die Luxusmarke Louis Vuitton heftig kritisiert, weil sie eine Stola im Sortiment hatte, die ein Muster enthielt, das von der Kufiya inspiriert war, dem Symbol palästinensischer Identität. Louis Vuitton nahm daraufhin den Schal aus seinem Online-Shop. 

Nach den MTV Movie & TV Awards 2018 wurde Kim Kardashian vorgeworfen, sich afroamerikanische Kultur angeeignet zu haben. Sie hatte bei der Preisverleihung Fulani-Zöpfe getragen, die mit dem gleichnamigen Volk in Westafrika assoziiert werden. Kardashian verteidigte ihren Haarschmuck als kulturelle "Inspiration" statt Aneignung. Sie sagte: "(...) Wenn man nicht kommuniziert, woher die Inspiration kam - und das habe ich in der Vergangenheit getan - können Leute das falsch verstehen. Aber ja, solange es aus Liebe und Inspiration geschieht, ist es in Ordnung."

2021 sprach auch Gwen Stefani die Anschuldigungen gegen sie an - nicht nur im Bezug auf ihre Bindis, sondern auch wegen des Tragens von Saris und der Verwendung japanisch-amerikanischer Tänzerinnen, den "Harajuku Girls", als sie ihre Solokarriere begann. Ihr wird vorgeworfen, dadurch von japanischer Street Fashion profitiert zu haben. Stefani sagte, sie sei von der einzigartigen Mode des Harajuku-Distrikts in Tokio inspiriert worden, als sie in den Neunzigern durch Japan getourt war. 

Stefani argumentiert, dass die sozialen Medien die Freiheit einschränkten, andere Kulturen wertzuschätzen. "Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, in der wir nicht so viele Regeln hatten. Wir mussten nicht einem Narrativ folgen, das uns durch soziale Medien vorgegeben war, wir waren einfach so viel freier."

Diversität mit Hirn

Kulturelle und pädagogische Einrichtungen bieten Werkzeuge an, mit deren Hilfe man zwischen Aneignung und Wertschätzung unterscheiden kann. Mir gefällt die kernige Erklärung der Website der University of British Columbia. Sie besagt, dass man andere Kulturen wertschätzt, wenn man sich bemüht, Horizonte zu erweitern und mit anderen interkulturell in Verbindung zu treten. "Aneignung hingegen nimmt einen Aspekt einer anderen Kultur, wie zum Beispiel eindeutig zuzuordnende kulturelle Gegenstände, Ästhetiken oder spirituelle Praktiken, und ahmt sie nach - ohne Zustimmung, Erlaubnis oder irgendeinem kulturellen Kontext oder einer Beziehung zu diesem Gegenstand oder dieser Praxis." Es gehe "allein um persönliche Interessen: Geld verdienen, Popularität oder weil es einem äußerlich gefällt."

Zurück zu meinem Sari-Beispiel: Ich rege mich generell nicht über Leute auf, die einen Sari tragen, solange sie sich seiner kulturellen Bedeutung bewusst sind oder sich bemühen, mehr von den Menschen zu lernen, aus deren Kulturkreis er kommt. Ich finde es jedoch gar nicht lustig, wenn jemand einen Sari trägt, dabei in einem übertriebenen Singsang spricht und mit dem Kopf wackelt. Oder wenn das Tragen eines Sari mein berufliches Weiterkommen behindert, während keiner mit der Wimper zuckt, wenn andere es aus Spaß tun. 

Da der Karneval zur lokalen Kultur hier in Bonn gehört und er sehr beliebt bei Kindern ist, stellt er vielleicht eine fantastische Möglichkeit dar, ihnen andere Kulturen und Praktiken näher zu bringen, über die sie sonst nichts erfahren würden. Achtsame Wertschätzung von Diversität - das wäre doch mal was zum Aneignen, oder nicht?

 

Autorin Brenda Haas (pj)

Permalink - https://p.dw.com/p/4C2lU


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