Eklat im Streit um die Rückgabe des Parthenon-Frieses

1 Dez

FОТО: PIXABAY.COM.


Der britische Premierminister Rishi Sunak will mit dem griechischen Amtskollegen Kyriakos Mitsotakis in London nicht über die Rückgabe der Parthenon-Skulpturen sprechen. Ein Treffen wurde kurzfristig abgesagt.

 

Anfang des Jahres verkündeten Medien, eine Einigung im Rückgabestreit um den antiken Akropolis-Fries sei in Sicht. Im Januar 2023 bestätigte das British Museum in London Gespräche mit Athen über mögliche Leihgaben. 

 

Doch kurz darauf dementierte die britische Regierung und schloss eine dauerhafte Rückgabe aus. Wie sehr die Fronten zwischen London und Athen verhärtet sind, zeigt nun die Absage eines Treffens zwischen dem britischen Premierminister Rishi Sunak und seinem griechischen Amtskollegen Kyriakos Mitsotakis. Sogar von einem diplomatischen Eklat ist die Rede. Das britische Kabinettsmitglied Mark Haper rechtfertigte die Absage des Treffens damit, dass an der britischen Position nicht zu rütteln sei. Die "Elgin Marbles" sollten Teil der ständigen Sammlung im British Museum bleiben, sagte Haper der BBC. 


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Auf die kurzfristige Absage der Zusammenkunft reagierte der griechische Premierminister Mitsotakis empört. Er sei verärgert, teilte er am Montagabend mit. "Die Positionen Griechenlands in der Frage der Parthenon-Skulpturen sind allgemein bekannt", zitiert ihn die Deutsche Presseagentur, dpa. "Ich hatte gehofft, die Gelegenheit zu haben, sie mit meinem britischen Amtskollegen zu erörtern, ebenso wie die großen Herausforderungen der internationalen Lage: Gaza, Ukraine, die Klimakrise, Migration." Ein ersatzweise angebotenes Treffen mit Sunaks Vize Oliver Dowden verweigerte wiederum Mitsotakis - und zeigte sich erzürnt. 

 

Griechenland beharrt auf Rückgabe der "Elgin Marbles"

Am Sonntag, also vor der Absage Großbritanniens, hatte der griechische Regierungschef angekündigt, bei seinem Besuch auf die Rückgabe des Parthenon-Frieses zu pochen. "Sie sehen im Akropolismuseum, einem hochmodernen Museum, das zu diesem Zweck gebaut wurde, einfach besser aus", sagte er der BBC. Weiterhin sorgte er mit einem Vergleich für Aufsehen. Den Kunstschatz zu teilen, sei, als würde man die "Mona Lisa", das weltberühmte Gemälde von Leonardo da Vinci, in Hälften schneiden und diese im Pariser Louvre und dem British Museum ausstellen, fügte der Regierungschef hinzu. 

Zugleich betonte er, es gehe Athen um eine Partnerschaft mit dem Londoner Museum. Dessen Aufsichtsratschef George Osborne hatte zuletzt offen über eine Leihe nach Griechenland gesprochen - wohlgemerkt unter der Bedingung, dass die "Elgin Marbles" anschließend nach London zurückkehren. Selbst eine Leihe kommt für Sunak aber nicht in Frage, wie sein Sprecher klarstellte. Doch der Wind dreht sich. Am Dienstag forderte sogar die konservative Zeitung "Times", die bisher die Regierungsposition unterstützt hatte, die Rückgabe: "Die Skulpturen gehören nach Athen", hieß es im Leitartikel. Sie seien fundamental für die kulturelle Identität Griechenlands. 

 

Vatikan gab Parthenon-Skulpturen zurück

Im März 2023 hatte bereits der Vatikan einige Fragmente des Parthenon-Frieses an Athen zurückgegeben. Ursprünglich zierte der Fries die obere Außenwand des 2500 Jahre alten Parthenon-Tempels auf der Akropolis in Athen.Er zeigt viele Figuren und Opfergaben an die Göttin Athene anlässlich einer Prozession zum größten im antiken Athen stattfindenden Fest. Heute befindet sich ein Teil des Frieses im Athener Akropolis-Museum und ein größerer Teil im British Museum in London. Weitere Teile sind im Besitz französischer, italienischer, österreichischer und deutscher Museen.

In Großbritannien hält man die 56 Teile des 75 Meter langen Parthenon-Frieses für legal erworben. Griechenland hält dagegen, sie seien gestohlen worden. Der Streit darüber ist seit langer Zeit festgefahren. Die Marmorskulpturen stellen Szenen aus der griechischen Mythologie dar. In Großbritannien tragen sie den Beinamen "Elgin Marbles", benannt nach Lord Elgin, dem britischen Botschafter im Osmanischen Reich in Konstantinopel. Es war Elgin, der die Figuren Anfang des 19. Jahrhunderts von der Außenseite des Parthenon-Tempels aus der Akropolis in Athen schlagen ließ. Im Einvernehmen mit dem Osmanischen Reich, das damals über Griechenland herrschte, wurden sie nach Großbritannien geschafft. 

 

Restitution war Thema im Wahlkampf Mitsotakis'

Der Rückgabestreit war Anfang des Jahres auch ein Wahlkampfthema. Griechenlands Premierminister Kyriakos Mitsotakis, der im Sommer 2023 im Amt bestätigt wurde, hatte die Rückgabe des Frieses zu einem Teil seiner Wahlkampfstrategie gemacht. Zuletzt sprach der Premierminister bereits von "Fortschritten" und einem "Gefühl der Dynamik", während das British Museum nicht einmal zugeben wollte, dass überhaupt Gespräche geführt wurden.

Das Vereinigte Königreich besteht darauf, die Marmorskulpturen rechtmäßig erworben zu haben. "Diese Frage steht im Mittelpunkt der Restitutionsdebatte", glaubt Alexander Herman, stellvertretender Direktor des Instituts für Kunst und Recht und Autor des 2021 erschienenen Buches "Restitution: The Return of Cultural Artefacts" (Restitution: Die Rückkehr von Kulturschätzen). "Seit über 200 Jahren steht das Thema in Großbritannien und natürlich auch in Griechenland auf der kulturellen Agenda", so Herman in einem Interview 2021 gegenüber der Deutschen Welle.

 

Rechtliche Hindernisse für die Rückgabe?

Im Gegensatz zu Großbritannien hat die Restitutionsdebatte in vielen Ländern Europas und selbst in den USA an Fahrt aufgenommen. So muss sich das British Museum dafür kritisieren lassen, dass es sich bisher sämtlichen Rückgabewünschen verweigert. Währenddessen hat Deutschland etwa mit der Rückgabe von Benin-Bronzen an Nigeria begonnen. In Deutschland wie in Frankreich ist die Restitution von Objekten aus kolonialen Zusammenhängen inzwischen ein großes kulturpolitisches Thema. 

Doch selbst wenn das British Museum beschließen sollte, die Fries-Stücke an Griechenland zurückzugeben, müsste zuvor ein nationales Gesetz gekippt werden. Bisher hindert der "British Museum Act" von 1963 das British Museum daran, Objekte aus seinen Sammlungen abzugeben, denn er definiert den Museumsbestand als "Nationales Erbe". Somit könnte das Parthenon-Fries am Ende wohl lediglich als Leihgabe nach Griechenland gelangen. Athen ist das zu wenig.

Ein Sprecher des Premierministers Rishi Sunak erklärte inzwischen, es gebe keine Pläne, das Gesetz zu ändern: "Unsere Position in dieser Frage hat sich nicht geändert", sagte er bereits im Dezember 2022 im Sender Euronews. "Entscheidungen über die Pflege und Verwaltung der Sammlungen fallen in den Zuständigkeitsbereich des Museums und seiner Treuhänder. Die Parthenon-Skulpturen sind rechtlich Eigentum der Treuhänder und operativ unabhängig von der Regierung", fügte Sunaks Sprecher hinzu. Die Absage des Treffens mit seinem Amtskollegen Mitsotakis beweist, dass sich London in dieser Angelegenheit keinen Zentimeter bewegt hat.

 

Autors: Sabine Oelze mit dpa | Sarah Hucal

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