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Eine grobschlächtige Kreatur mit Schrauben im Hals - Frankensteins Monster ist eine Ikone der Popkultur. Guillermo del Toro wagt in seinem neuen Film "Frankenstein" einen anderen Ansatz - und ist damit näher am Original.
Erschaffen wurde das Monster vor über 200 Jahren von einer jungen Frau aus Großbritannien: Mary Shelley. Seither geistert Frankensteins Monster durch die Popkultur - als furchterregende Kreatur, die nicht sterben will, endlos wiederbelebt, neu zusammengenäht und wieder in die Kultur zurückgeschickt wird. Die zugrunde liegende Erzählung ist zeitlos: Ein begabter, aber kurzsichtiger Wissenschaftler spielt Gott und erschafft ein lebendiges Wesen - zusammengesetzt aus Körperteilen gestorbener Menschen. Entsetzt über seine eigene Schöpfung verstößt er die Kreatur, die daraufhin zu dem Monster wird, das die Gesellschaft in ihm sieht.
Dieser Kern hat sich als elastisch genug erwiesen, um diverse Interpretationen zu überstehen: Angefangen bei den Monsterfilmen der 1930er Jahre mit Boris Karloff bis hin zu modernen Sitcoms und Kinderzeichentrickfilmen. Das meiste aber, was das Publikum über "Frankenstein" zu wissen glaubt, stammt aus den Filmen und nicht aus Mary Shelleys Roman von 1818. Guillermo del Toros Film "Frankenstein" - mit Oscar Isaac und Jacob Elordi in den Hauptrollen -, der jetzt auf Netflix zu sehen ist, ist näher dran an Shelleys originalem Monster-Mythos als die meisten anderen Verfilmungen. Ähnlich wie im Roman steht bei del Toro die Sympathie für die Kreatur im Vordergrund - sowie die eindringliche Warnung an die Menschheit, nicht hochmütig zu werden und Gott spielen zu wollen.
Hollywoods Interpretation von Frankenstein
Zur Erinnerung: Frankenstein ist nicht der Name des Monsters, sondern des Wissenschaftlers, der ihm Leben einhaucht. Im Roman von Mary Shelley ist Victor Frankenstein ein vom Ehrgeiz angetriebener Student der "Naturphilosophie", und die von ihm erschaffene Kreatur kein grunzender Hohlkopf, wie viele Filme es darstellen, sondern ein redegewandter Autodidakt, der sich selbst Englisch und Moralphilosophie beibringt - und der die zweite Hälfte des Buches selbst erzählt.
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Die typischen Frankenstein-Bilder wie das Erwecken der Kreatur durch einen Blitzschlag, Victor Frankenstein, der schreit "Es lebt!!!", die grüne Haut und die Schrauben im Hals sowie der schwerfällige Gang - das alles sind spätere Erfindungen für Bühne und Leinwand. Am prägnantesten waren wohl die beiden Filme von James Whale (Universal): "Frankenstein" (1931) und "Frankensteins Braut" (1935), in denen der unnachahmliche Boris Karloff als schlurfender Rohling und Elsa Lanchester als seine widerwillige Gefährtin mit Beehive-Frisur zu sehen sind. Whales Filme haben im Grunde vorgegeben, was von einem Frankenstein-Film zu erwarten ist.
Frankenstein und seine Variationen
Seit der Veröffentlichung von Mary Shelleys Roman, der zunächst anonym unter dem Titel "Frankenstein: Or, The Modern Prometheus" (auf Deutsch: "Frankenstein oder der moderne Prometheus") veröffentlicht wurde, hat die von Victor Frankenstein erschaffene Kreatur unzählige Neuinterpretationen durchlaufen. Die britische Produktionsfirma Hammer Films brachte ab Mitte der 1950er Jahre eine Reihe von Technicolor-Neuauflagen der "Frankenstein"-Geschichte heraus, von "The Curse of Frankenstein" (1957) bis "Frankenstein and the Monster from Hell" (1974), in denen die Kreatur eher tragisch als furchterregend dargestellt wurde und der größenwahnsinnige Baron Frankenstein (meist gespielt von Peter Cushing) als der wahre Bösewicht erschien.
Neben den Gruselfilmen entstanden auch Parodien und Persiflagen der Frankenstein-Geschichte, darunter die Slapstick-Parodie "Abbott und Costello treffen Frankenstein" von 1948. Berühmtheit erlangte auch die recht überdrehte "The Rocky Horror Picture Show" (1975) mit Tim Curry als Dr. Frank-N-Furter, dem "süßen Transvestiten aus Transsexual, Transylvania". Nicht zu vergessen Mel Brooks' "Young Frankenstein" von 1974 - ein Nonstop-Gag-Fest, das es hinbekommt, liebevoll und zugleich respektlos mit dem "Frankenstein"-Kanon umzugehen. Im Fernsehen erschien in den 1960er Jahren die Sitcom "The Munsters", in der Frankensteins Kreatur zu Herman Munster wurde, einem freundlichen, wenn auch ahnungslosen Vorstadtvater.
Ironischerweise werden einige der Filme, die Shelleys Originalwerk am nächsten kommen, nicht als Frankenstein-Filme beworben. David Cronenbergs "Die Fliege" (1986) zum Beispiel, in dem ein Wissenschaftler selbst zum Monster wird, ist eine anschauliche Darstellung von Shelleys Warnung vor wissenschaftlicher Überheblichkeit. Tim Burtons berühmter Film "Edward mit den Scherenhänden" (1990) richtet den Fokus auf das ausgestoßene Wesen des Romans. Und Giorgos Lanthimos' "Poor Things" (2023) interpretiert den Mythos aus feministischer Sicht neu, indem eine wiederbelebte Frau (Emma Stone, die für diese Rolle 2024 einen Oscar gewonnen hat) Selbstbestimmung fordert und damit an Mary Shelleys Mutter erinnert, der feministischen Pionierin Mary Wollstonecraft.
Die Wiederentdeckung von Mary Shelleys Original
Del Toros "Frankenstein" nun gehört zu den Werken, die versuchen, nah am Original zu bleiben. Seine Version führt die Geschichte zurück zu ihren Wurzeln - keine Horrorgeschichte, sondern eine Erzählung über Größenwahn, Ausgrenzung und moralische Verantwortung. Del Toro stellt die grundlegende Sympathie des Romans für die Kreatur in den Vordergrund. Er behandelt sie nicht als Abscheulichkeit, sondern als fühlendes Wesen, das in eine Welt hineingeboren wurde, in der es nicht akzeptiert wird.
Wie Shelley interpretiert der mehrfache Oscar-Preisträger Del Toro die Tragödie als eine Geschichte vom Verlassenwerden - von einem Elternteil, das das, was es geschaffen hat, nicht lieben kann. Er verzichtet auf Kitsch, Blitze und die Theatralik des verrückten Wissenschaftlers und kehrt zurück zu Shelleys zentraler Frage: Was passiert, wenn menschlicher Ehrgeiz und technischer Fortschritt unsere Fähigkeit zur Empathie verdrängen? In einem Zeitalter, das von künstlicher Intelligenz, Gentechnik und der Macht algorithmischer Entscheidungsfindung geprägt ist, versteckt sich das wahre Monster vielleicht nicht in einem Labor - es starrt uns aus unseren Computerbildschirmen heraus an.
Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck
Autor Scott Roxborough
Permalink - https://p.dw.com/p/53G3C


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