Iris Knobloch und das Filmfest in Cannes

20 Mai

In ihrer langen Geschichte haben die Internationalen Filmfestspiele von Cannes schon einiges erlebt, darunter Skandale wie die angebliche Gotteslästerung von Luis Buñuel 1961 oder den Ausschluss von Lars von Trier, nachdem dieser 2011 auf einer Pressekonferenz zu seinem Film "Melancholia" seine Sympathie für Hitler zum Ausdruck gebracht hatte. 


Sie haben auch Stars hervorgebracht, wie beispielsweise Quentin Tarantino, der dort 1994 "Pulp Fiction" vorstellte. Nun steht ein großer Wechsel bevor: Festivalpräsident Pierre Lescure, der mit den diesjährigen 75. Filmfestspielen seinen Abschied nimmt, übergibt die Leitung an Iris Knobloch, mit der zum ersten Mal eine Präsidentin an der Spitze stehen wird. Doch damit nicht genug: Knobloch - Tochter der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, - wird als Deutsche in ihrem neuen Job auch die erste Ausländerin sein. Eine kleine Revolution, denn alle ihrer Vorgänger stammten aus Frankreich.

Die französische Filmindustrie ist für die 59-Jährige kein Neuland. Nach ihrer Ausbildung zur Juristin in München war sie 25 Jahre lang in verschiedenen Führungspositionen im europäischen Geschäft des US-Filmstudios Warner Bros. tätig, davon 15 Jahre als Vorsitzende der Warner Bros. France-Gruppe. Anschließend leitete sie die Geschäfte von Warner Bros. in Frankreich, Deutschland, den Benelux-Ländern, Österreich und der Schweiz.

Ihr Gespür für Erfolg bewies sie nachdrücklich, als es 2011 darum ging, ob der Film "The Artist" von Regisseur Michel Hazanavicius in Cannes zum Wettbewerb eingeladen werden sollte. In der französischen Branche überwog die Ansicht, der Schwarz-Weiß-Stummfilm sei zu mainstreamig für das exklusive Cannes.

Gespür für Erfolg

Doch Knobloch setzte sich durch - und "The Artist" wurde ein großer Erfolg. Der französische Hauptdarsteller Jean Dujardin gewann in Cannes den Preis für den besten Schauspieler. Er wurde auch bei der Oscar-Verleihung ausgezeichnet, wo "The Artist" vier weitere Trophäen erhielt, darunter den Preis für den besten Film und für die beste Regie.

Der französische Kassenschlager erzielte weltweit ein Einspielergebnis von über 130 Millionen US-Dollar. Der Zufall will es, dass Hazanavicius dieses Jahr in Cannes seinen neuen Film vorstellt: Die Zombie-Komödie "Coupez ! (Final Cut)" - ursprünglicher Original-Titel "Z (comme Z)" - ein Remake der japanischen Vorlage "One Cut of the Dead", eröffnet das Festival am 17. Mai.

Knoblochs Instinkt für den Mainstream und ihre Verbindungen zu Hollywood könnten ein großer Gewinn für Cannes sein, das schon länger damit zu kämpfen hat, seine Stellung als weltweit führendes Schaufenster des Arthouse- und Avantgarde-Kinos mit der Notwendigkeit in Einklang zu bringen, in Konkurrenz mit anderen Festivals auch große amerikanische Filme und Stars einzuladen.

Als Präsidentin wird Knobloch jedoch nicht unmittelbar über das künftige Programm von Cannes entscheiden. Diese Aufgabe bleibt beim künstlerischen Leiter Thierry Frémaux. Knoblochs Aufgabe wird es sein, einen Mittelweg zu finden zwischen den künstlerischen Ansprüchen auf der einen Seite und den Erwartungen der zahlungskräftigen Sponsoren auf der anderen.

Nicht ganz geräuschlos

Die Geldgeber sind an maximaler Aufmerksamkeit interessiert und können von Glamour und Paparazzi nicht genug bekommen. Bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals zählt die Social-Media-Plattform TikTok zu den Sponsoren.

Trotz ihrer zweifellosen Kompetenzen, ging Iris Knoblochs Ernennung nicht ganz geräuschlos vonstatten. Nach ihrem Rücktritt bei Warner im vergangenen Jahr - kurz vor der Fusion des Unternehmens mit dem Fernsehimperium Discovery - gründete Knobloch zusammen mit der vom französischen Geschäftsmann François-Henri Pinault geleiteten Investmentfirma Artémis die 250 Millionen Euro schwere Medieninvestmentgesellschaft I2PO.

Verflochten mit einem Sponsor 

Pinault ist nicht nur der Ehemann von Hollywood-Star Salma Hayek, sondern auch Eigentümer des Luxusgüterriesen Kering, dem unter anderem das italienische Modeunternehmen Gucci gehört. Kering gehört wiederum zu den Sponsoren des Cannes-Festivals, weshalb Kritiker mutmaßten, Knoblochs Verbindung zu Pinault habe im März den Ausschlag für ihre Ernennung zur neuen Präsidentin gegeben.

Möglichen Interessenskonflikten beugte Knobloch jedoch eilig vor, als sie ankündigte, dass I2PO nicht in Filmunternehmen investieren werde, die eine Verbindung zu Cannes hätten.

 

Autor Scott Roxborough    

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