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Das christlich-jüdische Gespräch war ein wichtiges Element beim Katholikentag in Würzburg. Es beteiligten sich prominente Jüdinnen und Juden. Die Erwartung an die Christen ist klar: Zeigt Solidarität.
"Freunde sind weg. Die Leute, mit denen ich bei "Fridays for Future" noch gemeinsam auf der Straße stand, die stehen jetzt auf der anderen Seite, getrennt durch Absperrgitter, und sie schreien 'Yalla Intifada'." Dieser Ruf wird häufig als Terrorverherrlichung eingestuft. Ron Dekel, der Vorsitzende der Jüdischen Studierendenunion, schildert beim Katholikentag in Würzburg den seit dem terroristischen Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023erstarkenden Antisemitismus in Deutschland:Demos in Universitäten, Boykottaufrufe, wachsende Ängste. Hamas wird von der EU, Deutschland, den USA und vielen anderen Ländern als Terrororganisation eingestuft.
Vor einigen Wochen wurde Dekel in Berlin unweit des Bundestages auf offener Straße angepöbelt und bedroht, weil er eine Kippa trug, eine jüdische Kopfbedeckung. Die Szene wurde bekannt, weil es ein Video gibt. "Es geht überhaupt nicht um mich", sagt er nun im Reden. "Wenn ich über mich rede, dann rede ich über jede andere jüdische Person in Deutschland." Seit 1970 gehört der Jüdisch-Christliche Dialog zum Programm der deutschen Katholikentage. Beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als Träger der Katholikentage gibt es seit 1971 einen engagierten Gesprächskreis "Juden und Christen". Christlicher Antijudaismus gilt als eine der Wurzeln von modernem Judenhass.
Nun fallen mehrere Veranstaltungen im knapp fünftägigen Programm von Würzburg auf. Andernorts bei dem Christentreffen geht es auch um das oft schwierige Leben von Palästinensern und von Christen unter der israelischen Besatzung, in der Westbank. Und als am Donnerstag Bundeskanzler Friedrich Merz zu Besuch in der Stadt war, zog unabhängig vom Katholikentag ein kleiner Protestzug durch die Stadt: "Netanjahu bombardiert, Merz finanziert". Am 7. Oktober 2023 wurden in Israel mehr als 1200 Menschen, zumeist Juden, ermordet, hunderte in den Gazastreifen verschleppt. Im darauf folgenden Gaza-Krieg wurden auf palästinensischer Seite mehr als 70000 Menschen getötet.
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"Nichts mehr, wie es war"
Für Jüdinnen und Juden in Deutschland sei "nichts mehr so wie es war", sagt Dagmar Mensink vom ZdK-Arbeitskreis vor rund 140 Zuhörern in einem gut gefüllten Saal. Da geht es um "Israelhass, Judenfeindschaft und Solidarität in Deutschland". Im Kern, das lässt sich sagen, um mangelnde Solidarität. Dekel selbst erzählt, er sei "super-säkular" aufgewachsen, die Gesellschaft habe ihn "in die Schublade ´jüdisch´ gesteckt".
Nun warnt er vor einer Gefährdung jüdischer Studierender durch antisemitische Bedrohungen und Gewalt. Er verweist auch auf das aktuelle "Lagebild Antisemitismus" des Zentralrats der Juden. Demnach hat fast jede zweite jüdische Gemeinde bereits Vorfälle erfahren, viele Jüdinnen und Juden verbergen ihre Identität. Dekel betont, Antisemitismus sei "überall". Er komme "mehrheitlich aus der Mitte der Gesellschaft".
Ähnliches schildert Sabena Donath, künftige Direktorin der in Frankfurt entstehenden Jüdischen Akademie. Die Enkelin von Holocaust-Überlebenden wuchs im südafrikanischen Kapstadt auf und kam mit der Familie nach Deutschland. Sie spricht von der "Zäsur" des 7. Oktobers, den Nachrichten, die das Handy "geflutet" hätten, der Schockstarre, der "Lähmung und Angst", dem baldigen Gefühl, von anderen allein gelassen zu werden.
Es ist eine Schilderung von Schmerz und Hilflosigkeit. Donath vermisst in Deutschland das Wissen um die Opfer des Holocaust. Und über jüdisches Leben heute: "Es kann doch nicht sein, dass alle etwas zum Nahostkonflikt zu sagen haben oder zu jüdischem Leben - und dass man über lebendige Juden und Juden nichts weiß…"
"Antisemitismus zum Thema machen"
Sie plädiert dafür, das Thema Antisemitismus in Deutschland anders zu behandeln und "über den Elefanten im Raum zu sprechen". Jüdische Menschen in Deutschland seien jenseits des 7. Oktobers und der Gewaltspirale in Nahost "nicht sicher in Deutschland". Veranstaltungen bräuchten Polizeischutz, jüdische Künstler würden ausgeladen, Unternehmen boykottiert. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, der, selbst nicht Jude, mit auf dem Podium saß, sprach ähnlich von der Stimmungslage im Kulturbetrieb. Es brauche Zivilcourage, sagte er.
Die Zivilcourage, sich hinter Jüdinnen und Juden zu stellen, sei "auch mit Risiken verbunden". Kaum eine Stunde später im gleichen Gebäude, dem zentral gelegenen Burkardushaus. Bei einer Veranstaltung mit Abraham Lehrer geht es vordergründig um ein ganz anderes Thema - aber es ist der gleiche rote Faden, der Judenhass. Der 72-Jährige ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden und Vorsitzender der Synagogen-Gemeinde Köln. Er ist ein bekanntes Gesicht des Judentums in Deutschland.
Auch deshalb wird der Veranstaltungsraum zunächst mit einem Sprengstoff-Spürhund gecheckt. Vor dem Gebäude und im Flur stehen Polizisten in Uniform und Beamte des Landeskriminalamts in Zivil. Mit Lehrer sitzen Personenschützer im Saal. Schlussendlich kommen kaum zehn Zuhörerinnen und Zuhörer zu dem Gespräch, weniger, als Sicherheitskräfte im Haus sind. Vielleicht liegt es daran, dass der Titel "Ins Werk gesetzt" eher verunklart als enthüllt. Denn es geht im Kern um christlichen Antijudaismus, der zu den Motivsträngen von Antisemitismus zählt.
Auch Zentralrats-Vorsitzender Schuster vor Ort
Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, ist Würzburger. Lange praktizierte der heute 72-Jährige als Arzt in der Stadt, er sei, sagt er, "tief verwurzelt". Er ist Ehrendoktor der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität. Sowohl am Donnerstag, als auch am Freitag nahm er, jeweils gut bewacht, aktiv an Veranstaltungen teil. So ergreift Schuster bei einer "christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier" im Congress Center der Stadt das Wort, die der Würzburger Bischof Franz Jung und der Berliner Rabbiner Andreas Nachama leiten. ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp ist dabei und verurteilt in einem Grußwort den Antisemitismus. Schuster sagt, der Dialog von Christen und Juden sei "keine Selbstverständlichkeit und keine Routine".
Schusters Rede wird zu einem Appell an die Kirche und die Gesamtgesellschaft. Er verweist auf das Motto dieses Katholikentages "Hab Mut, steh auf". Dieses Motto erfasse, was heute "leider häufig fehlt: Zivilcourage". Der Einsatz für eine offene Gesellschaft werde "zur Ausnahme. Ich bin überzeugt, je seltener sie wird, desto mehr Bedeutung erlangt jeder einzelne Akt der Zivilcourage." Heute habe sich der Hass auf Juden wieder in der Mitte unserer Gesellschaft etabliert, so Schuster, sie sei in Teilen "abgestumpft". Selbst wenn an Hauswänden Graffitis mit dem Aufruf zum Mord an Juden stünden, reagierten kaum mehr Menschen in Deutschland.
"Gegen den Judenhass, für die Demokratie"
"Stehen Sie auf! Stehen Sie als Katholiken, als Christen an der Seite der Jüdinnen und Juden in unserem Land! Kämpfen Sie gegen den Judenhass und für die Werte unseres Zusammenlebens, für die Demokratie, für die Würde eines jeden Einzelnen!" Schuster spricht die Worte bedächtig und entschlossen, aus ihnen klingt auch Verzweiflung.Josef Schuster bei einer Rede an einem Rednerpult.
Wegen des Shabbat endeten die Veranstaltungen zum christlich-jüdischen Gespräch am Freitagnachmittag. Doch steht ein besonderes Element erst für die Schlussfeier des Christentreffens am Sonntag an. Nach dem Gottesdienst auf dem Residenzplatz spricht beim Abschied neben anderen auch Schuster. Ein Präsident des Zentralrats der Juden als Redner beim Abschluss eines Katholikentages - das gab es wohl nie zuvor.
Autor Christoph Strack
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Politiker beim Katholikentag - was ihre Auftritte ausmacht
Auch Politiker kommen zum Katholikentag 2026 - Steinmeier, Merz, Klöckner. Was macht die Auftritte von Politikern bei Kirchentagen so besonders?
Ein wenig verlegen steht Ricarda Lang auf der Bühne der Würzburger Posthalle. Die derzeit in Deutschland ausgesprochen populäre Grünen-Politikerin und ehemalige Co-Bundeschefin der Partei ist mit dem Zug durch die Nacht gefahren, natürlich mit Verspätung. Aber sie ist da. "Es ist meine erste Bibelarbeit. Haben Sie Gnade mit mir." Es ist der frühe Samstagvormittag beim Katholikentag. Die 1200 Plätze der Halle sind besetzt, hunderte kamen nicht mehr hinein. Während der kommenden knapp 60 Minuten schildern Lang und der Bischof von Würzburg, Franz Jung, Gedanken zu einer Erzählung aus dem Markus-Evangelium, sechs Verse zur Heilung eines Blinden bei Jericho. Das Motto des Katholikentages "Steh auf, hab Mut!" findet sich dort.
Lang: "Jeder ist jemand"
Fromm? Weder Lang noch Jung werden im Reden frömmelnd oder switchen auf kirchliche Binnensprache. Lang erwähnt, dass sie "nicht praktizierend gläubig" sei. Aber beide sprechen in kurzen, klaren Sätzen: "Jeder ist jemand", zitiert Lang den Theatermacher George Tabori. "Weit weg ist näher als Du denkst", nimmt Jung ein Motto der Caritas auf. Der Bischof erzählt von seinem ehrenamtlichen Engagement bei der Bahnhofsmission, das ihn verändert habe. Die Politikerin kommt auf den mangelnden Blick der Gesellschaft für behinderte Menschen zu sprechen. Am Schluss umarmen sie sich fast, dann stehen sie nebeneinander im tosenden Applaus der vorher still lauschenden Halle.
Während der fünf Tage des 104. Deutschen Katholikentags kam täglich politische Prominenz vorbei. Vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bis zum noch recht neuen grünen Würzburger Oberbürgermeister mit dem hier passenden Namen Heilig, Martin Heilig. Kanzler Merz mit mehreren Ministern, die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Aber warum kommen Politiker zu diesem und anderen großen Christentreffen in Deutschland? Nicht mal mehr 45 Prozent der Deutschen gehören einer der beiden Großkirchen an. Wählerbindung ist Vergangenheit. Seit dem Frühjahr 2025 mäkelt ein Teil der CDU-Prominenz sogar über eine vermeintlich zu grüne Ausrichtung der katholischen Kirche in Deutschland. Und doch kommt sie nach Würzburg.
Vor allem in zwei großen, recht unterschiedlichen Reden der Ministerpräsidenten von Bayern und Nordrhein-Westfalen, Markus Söder (CSU) und Hendrik Wüst (CDU), kam das Wirken kirchlicher Akteure im sozialen Bereich zur Sprache: das Ehrenamt. Es diene als "Kitt" zum sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft, habe eine Rolle als „Mutmacher" (Wüst) in "Krisen, Kriegen, Herausforderungen". Gerade Wüst hob auf den wachsenden Rechtsextremismus und Populismus, das Erstarken der "Alternative für Deutschland" (AfD), ab. "Sie leben von der Angst der Menschen, sie vereinfachen, sie schüren, sie spalten." Staat und Kirche müssten den Menschen wieder Halt und Orientierung geben, "mehr, als wir das bisher schaffen". Das Thema kam in mehreren Reden, auch beim Bundespräsidenten. Und oft klang es als Hoffnung, als Erwartung, ja, als dringende Erwartung.
Der Kanzler ungewohnt offen
Nach dem Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz, einem Podiumsgespräch mit einer 19-jährigen Abiturientin und einer 29-jährigen Verbandsvertreterin, stand medial seine - mal wieder - ausgesprochen deutliche Bewertung der aktuellen Lage der USA im Blick. Aber Merz formulierte auch ungewohnt offen sein eigenes Rätseln über seine nicht funktionierende Kommunikation und hörte sich interessiert Erläuterungen und Hinweise zu TikTok an. Auch Merz bekam am Ende, nach manchem Streit, langen Applaus.
Und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bekam bei einem Bühnen-Talk noch mal Kritik am Umgang der deutschen Politik mit der (Nicht-)Aufnahme von ehemaligen Ortskräften aus Afghanistan geboten. Dafür kann er auch, wohlfühlig bei seinem Lieblingsgetränk Redbull-Cola, sein Schlagwort "Klimareligion" anbringen. Für jemanden wie Entwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan (SPD), deren Etat im Bundeshaushalt 2026 ja regelrecht rasiert wurde, sind die Gespräche mit den vielen kirchlichen Experten für globale Zusammenarbeit auch spürbar so etwas wie Kraftquell und Trost Verbündeter.
"Zusammenhalt und Sinn"
Bischof Heiner Wilmer, seit gut elf Wochen Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, bilanzierte in Würzburg seine bisherigen Kontakte mit Politikerinnen und Politikern: "In jedem Gespräch ohne Ausnahme wurde die Rolle der Kirche sehr geschätzt im Sinne einer Einrichtung und Großgruppe, die für den Zusammenhalt sorgt, die für Sinn sorgt und Menschen Hoffnung gibt." In der Würzburger Innenstadt war die "Marienkapelle" am Markt fünf Tage lang "Demokratiekirche" des Katholikentags. Sie war gut besucht und oft überfüllt. Und häufig ging es um solche Fragen wie Klimakrise, soziale Gerechtigkeit, Rechtsextremismus.
Ein solcher Katholikentag lässt Politiker menscheln. Dobrindt, der nach seiner Veranstaltung noch im Saal freundlich bis herzlich jeder Bitte um ein gemeinsames Foto nachkam, lud später spontan knapp zwei Dutzend Katholikentags-Helfer am nächsten Grillstand zu Würstchen ein. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner stand zum Abschluss ihres Programms lange auf der dicht gefüllten "Alten Brücke", plauderte bei frischem Weißwein, lachte und grüßte, wurde hunderte Male fotografiert. Personenschützer stehen da gewiss unter Hochspannung. Aber wo in Deutschland gibt es noch solche Gelegenheiten für Gespräche mit Spitzenpolitikern?
Schwarz-grün-links
Die Katholische Hochschulgemeinde Würzburg schaffte noch einen weiteren Schritt. Sie brachte am Samstagmittag den Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Hoffmann (51), der unweit von Würzburg heimisch ist, mit der Bundestagsabgeordneten und früheren Grünen-Co-Chefin Lang (32) und dem früheren Linken-Co-Vorsitzenden Martin Schirdewan (50), seit 2017 Abgeordneter im Europäischen Parlament, zusammen. "Politiker-Speeddating" war da angekündigt unter dem Motto "Dich kenne ich doch aus dem Fernsehen!"
Der CSU-Mann Hoffmann und die zwei prominenten Kritiker… politisch sind sie einander nicht grün. Aber nun sprachen sie, untereinander plötzlich im "Du", freundlich und kritisch und herzlich miteinander. Die 60, 70 Zuhörer, die in Gruppengesprächen eingebunden wurden, duzten mit und fragten und redeten ernst. Man merkte, wer im kleinen Saal für wen klatscht - aber es wurde nicht parteipolitisch. Politiker-O-Ton: "Wir müssen diese Stimmung im Land hinbekommen, dieses - ich will es mal flapsig sagen - 'alles ist scheiße'.
Es ist nicht alles perfekt. Aber wir leben in einem großartigen Land", sagte der eine. Der andere stimmte zu. Ja, es sei längst nicht "alles scheiße". Aber es müsse besser und gerechter werden. Ein Kneipengespräch ohne Kneipe. Was Politikern da noch Mut macht? CSU-Chef Hoffmann kommt auf den christlichen Glauben, die Familie. Und dann sagt er nebenbei etwas Grundsätzliches für diese ganze Geschichte. "Es ist etwas Besonderes, etwas Erfrischendes, diese positive Stimmung der vergangenen Tage in der Stadt", sagt er. "Der Martin und ich - wir könnten politisch kaum weiter voneinander entfernt sein. Aber hier setzen wir uns zusammen und gehen miteinander um."
Autor Christoph Strack
Permalink - https://p.dw.com/p/5Drab


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