Kölner Museum zeigt letztmalig Benin-Bronzen

16 Mai

Behutsam entfernt Peju Layiwola die Inventaretiketten auf den Benin-Bronzen. Ihre Gesten sind bedächtig, ja fast ehrfürchtig. 

 

Sie sind in einem Film festgehalten, der als Teil der Ausstellung "I MISS YOU" auf den Boden des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln projiziert wird. Als sie die Objekte zum ersten Mal berührt habe, erzählt die nigerianische Künstlerin und Kunsthistorikerin, habe sie ein Gefühl der Nostalgie überkommen, denn sie sei sich der Geschichte dieser Werke bewusst geworden: "Wenn man sich die Arbeiten aus Benin ansieht, ist man von ihrer Schönheit fasziniert. Aber man erinnert sich auch daran, dass sie im Zusammenhang mit der Ermordung von Menschen entfernt wurden, dass Menschen starben, als diese Werke hierher kamen."

Das Rautenstrauch-Joest-Museum, kurz RJM, beherbergt die viertgrößte Sammlung der sogenannten Benin-Bronzen. Das sind höfische Kunstwerke, die aus Messing, Elfenbein, Korallen und Holz im einstigen Königreich Benin (im heutigen Nigeria) gefertigt wurden. 1897 wurden sie aus dem Königspalast in Benin City geraubt: Unter dem Kommando von Admiral Sir Harry Rawson überfielen 1200 britische Elitesoldaten die ehemalige Königsstadt, töteten zahllose Menschen und brannten die Stadt bis auf ihre Grundfesten nieder. 

Zerstörung eines mächtigen Königreichs

Das Königreich Benin war bis zu jenem Überfall unabhängig vom Rest Nigerias, das damals bereits eine britische Kolonie war. Mit der Verwüstung der Stadt und der Verbannung des Königs ins Exil, konnten die Briten ihr Kolonialgebiet ausweiten. Sie zerstörten eines der wichtigsten und mächtigsten Königreiche in der Geschichte Afrikas. Ein Großteil der geplünderten Kunstschätze landete Anfang des 19. Jahrhunderts auf Auktionen in London, von wo aus sie nach Europa und Amerika gelangten - 96 davon gingen in die Sammlung des RJM in Köln über.

Peju Layiwola ist eine Nachfahrin der Königsfamilie von Benin. Ihr Ur-Urgroßvater, "Oba" - wie die Könige dort traditionell genannt werden - Ovonramwen Nogbaisi regierte, als die Briten Benin City überfielen. Ihr Großvater, Eweka II, baute den Palast Mitte des 20. Jahrhunderts wieder auf: "Meine Mutter ist im Palast des Königs aufgewachsen und sie hat mich dort zur Welt gebracht", erzählt Layiwola im Gespräch mit der DW. "Sie interessierte sich sehr für ihre Herkunft und erzählte viele Geschichten über Benin und ich lernte diese Kunst und Kultur sehr gut kennen."

Gefördert von ihrer Mutter, die wie sie selbst eine Künstlerin war, studierte Layiwola in den nigerianischen Städten Lagos und Ibadan bildende Kunst. Die Geschichte und Kunst des Königreichs Benin interessierte sie auch im Studium ganz besonders: "Als Kinder sind wir mit dem Ereignis von 1897 aufgewachsen, aber erst als ich anfing, Kunst und Geschichte zu studieren, habe ich die Auswirkungen verstanden und gesehen, wie gewalttätig dieses Ereignis war."

"Historische Ungerechtigkeiten"

Layiwola hat in den vergangenen Jahren mehrere Ausstellungen zur Geschichte Benins kuratiert und an Projekten mitgearbeitet. Unter anderem gestaltete sie einen Raum für die RJM-Ausstellung "Resist! Die Kunst des Widerstands", die der Perspektive der Kolonialisierten Raum geben wollte. Bei ihrer künstlerischen Arbeit gehe es ihr auch darum, auf die "historische Ungerechtigkeit" aufmerksam zu machen, denn die Auswirkungen der Kolonialherrschaft seien auch heute noch zu spüren.

Das ist auch Thema in der aktuellen Ausstellung "I MISS YOU" in Köln, für die Layiwola eng mit Museumsdirektorin Nanette Snoep zusammengearbeitet hat. "Bei 'I MISS YOU' geht es um gebrochene Erinnerungen, um koloniale Phantomschmerzen und Traumata, die durch die Archäologie, durch die kolonialen Hinterlassenschaften von Verwüstung und Enteignung hervorgerufen und über Generationen weitergegeben wurden", so Snoep, die das RJM seit 2019 leitet. "Damit wird 'I MISS YOU' eine Plattform für Trauerarbeit, für einen fortlaufenden und nie endenden Prozess der Heilung kolonialer Risse in unserer Gesellschaft."

Die gestohlene Seele - Raubkunst aus Afrika

Die Benin-Bronzen sind das prominenteste Beispiel kolonialer Beutekunst, doch auf dem gesamten afrikanischen Kontinent sind während der Kolonialzeit Kunst- und Kulturgüter gestohlen oder in einem Unrechtskontext, wie etwa Erpressung oder Täuschung, entwendet worden. Darunter sind auch etliche sakrale Gegenstände. Fachleute schätzen, dass sich das kulturelle Erbe Afrikas zu 80 bis 90 Prozent außerhalb des afrikanischen Kontinents befindet. Für viele Afrikanerinnen und Afrikaner geht mit dem Kulturverlust auch ein Identitätsverlust einher. 

Wendepunkt in der Restitutionsdebatte

Seit einigen Jahren hat die Debatte um die Rückgabe dieser Objekte europaweit Fahrt aufgenommen. Deutschland will noch in diesem Jahr "substantielle Rückgaben" an Nigeria vornehmen. Deswegen hat die Ausstellung in Köln zwar ein Start-, aber kein Enddatum. Die Idee ist, dass die Bronzen von Köln direkt an das westafrikanische Land gehen.

"Unsere Verhandlungen sind sehr weit vorangeschritten", sagt der nigerianische Botschafter Yusuf Maitama Tuggar gegenüber der DW bei der Ausstellungseröffnung. "Wir hoffen, dass wir noch vor Juni unterzeichnen können." Zwei Bronzen sitzen trauernd nebeneinander. Sie sind an den Füßen festgekettet. Im Hintergrund steht ein Schild mit der Aufschrift: Afrikaner, die sich illegal in Europa aufhalten, müssen gehen. 

Afrikanische Objekte, die illegal in Europa sind, sollen bleiben

Karikaturist Jimga Jimoh Ganiyu bringt die Debatte so auf de Punkt: "Afrikaner, die sich illegal in Europa aufhalten, müssen gehen. Afrikanische Objekte, die illegal in Europa sind, sollen bleiben". Peju Layiwola sehnt den Tag herbei, an dem die Objekte sozusagen nach Hause zurückkehren werden. Sie zeigt auf ein traditionelles Schwert, das in der Ausstellung zu sehen ist: "Das ist das 'Eben'. Es gehört dem König, wird aber auch von hohen Häuptlingen in Benin getragen." Das Schwert ist aus Stahl geschmiedet. Aber bei seiner Herstellung seien auch verschiedene weitere Materialien wie Stoff, pflanzliche Materie, Elfenbein und Leder verwendet worden, so die Kunsthistorikerin. "Es ist ein einzigartiges Stück, das zeigt, dass der Künstler mit einer Vielzahl von Materialien arbeiten konnte, und es zeigt, wie anspruchsvoll die Kunst zu dieser Zeit war."

Lebendige Kunstszene in Benin City

Noch heute werden solche Schwerter in Benin City gefertigt, wo unter anderem die Zünfte der Elfenbeinschnitzer und Bronzegießer beheimatet sind. Während des jährlichen Igue-Festivals, das zu Ehren des Königs von Benin stattfindet, wird so ein Schwert von den Häuptlingen in die Höhe gehalten und herumgewirbelt und zum Abschluss der Zeremonie sogar vom König selbst geschwungen.

"Benin ist also eine lebendige Kultur. Es ist eine Kultur, die sich weiterentwickelt und nicht aussterben wird", meint Peju Layiwola. Schon die Abwesenheit der verschiedenen Objekte habe das künstlerische Schaffen vor Ort inspiriert. Die Anwesenheit der Objekte werde noch mehr Kunst und Kultur hervorbringen, ist sich die Künstlerin sicher. 

Bis dato steht noch nicht fest, an wen die Objekte zurückgegeben werden sollen. An den Staat Nigeria, den aktuellen König von Benin oder das staatliche Museum in Benin City? Oder vielleicht an alle drei? Unabhängig davon will die Museumsdirektorin Nanette Snoep in jedem Fall die Zusammenarbeit mit Nigeria weiterführen und neue Kooperationen starten.

 

Autorin Annabelle Steffes-Halmer

Permalink - https://p.dw.com/p/4As2C


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