Kulturelles Dilemma: Die Zusammenarbeit mit russischen Museen

19 Mär

Man sieht das geflochtene Haar einer Mumie eines Reiternomaden sowie die Tätowierungen auf der ledrigen, da seit Jahrhunderten konservierten Haut.

Der junge Mann trägt vollen Ornat. Prächtige Tatoos zieren seine lederne Haut. Auch 2300 Jahre nach der Bestattung, als der Permafrost den Körper mitsamt Pferd und Halsreif umschloss, wirkt der sibirische Reiternomade wie aus dem Ei gepellt. Wegen des Konfliktes in der Ukraine aber kann er seine lang geplante Reise ins sächsische Chemnitz nicht antreten. Keine Ausfuhrgenehmigung für die Mumie, wegen der aktuellen Sanktionen keine Möglichkeit, Leihgebühren nach Russland zu überweisen. "Sehr, sehr schade", sagt Kuratorin Karina Iwe.

Der Reiter war als Hauptattraktion für die kommende Sonderausstellung des Staatlichen Archäologischen Museums in Chemnitz, kurz: SMAC, gedacht. "Chic! Schmuck. Macht. Leute.", so der Titel der Schau, die zeigen will, wie der Mensch sich durch Kleidung, Schmuckstücke, aber auch Körperschmuck wie Tätowierungen auszudrücken vermag: Schmuck als Zeichen sozialer Zugehörigkeit, als Ausdruck von Individualität, als sichtbarer Beleg für Status, Reichtum und Macht. Da hätte der schmucke Mann aus dem Eis ein gutes Beispiel abgegeben.

Die Mumie kommt nicht

Karina Iwe, die ihre Doktorarbeit vor Jahren über sibirische Reiternomaden verfasst hat, ist zutiefst bestürzt über Russlands Krieg gegen die Ukraine. Zwar seien derzeit alle offiziellen Projekte auf Eis gelegt, doch die Kontakte zu ihren russischen Museumskolleginnen und -kollegen möchte die Archäologin nicht abreißen lassen. Auch nicht nach Nowosibirsk, der Heimstatt der Mumie. "Wir stehen fast täglich im Austausch", so Karina Iwe.

Einer, der Iwes Forschungsleidenschaft für Reiternomaden teilt, ist Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Russland-Kenner und - Skythen-Experte. Bereits kurz nach Russlands Angriff auf die Ukraine zog er Konsequenzen. "So gut unsere Zusammenarbeit auch war, wir können jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", erklärt Parzinger und warnt vor einem "kulturellen Scherbenhaufen". Alle Projekte und Zukunftspläne seien "erst einmal" gestoppt.

Projekte mit Russland liegen "auf Eis" 

Betroffen ist zum Beispiel die Ausstellung "Schliemanns Welten" des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, die nun ohne russische Leihgaben auskommen muss. Die Schau würdigt den deutschen Archäologen und Entdecker Trojas (1822-1890) aus Anlass seines 200. Geburtstags. "Eine Schliemann-Ausstellung ohne Russland ist schwierig", sagt der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Matthias Wemhoff. Schliemann verbrachte eine große Zeit seines Lebens in Russland, war sogar russischer Staatsbürger. Auch die Weitergabe der Schau an das Moskauer Puschkin-Museum hat sich jetzt erledigt – und damit, so Wemhoff in einem Blog der Stiftung, "die Chance, in der festgefahrenen Beutekunst-Debatte neue Wege aufzuzeigen." Im Hinblick auf die in Folge des Zweiten Weltkriegs in Russland befindlichen Kulturgüter hatten Wissenschaftler beider Seiten bis zum Angriff Russlands auf die Ukraine zuletzt eng zusammengearbeitet. 

Zwischen Deutschen und Russen sei in den letzten Jahren viel Vertrauen aufgebaut worden, bestätigt auch Schliemann-Kurator Manfred Nawroth. Jetzt versuche man, die tiefverwurzelte Zusammenarbeit "überhaupt irgendwie zu retten". Noch gebe es Telefonate, Videocalls und Mailverkehr. "Wir halten Kontakt", so Nawroth, "aber auf einer veränderten Basis." Deutschlands kulturpolitische Antwort an das Russland und das Ringen um den Erhalt persönlicher Verbindungen auf Arbeitsebene, so viel ist klar, sind zwei Seiten einer Medaille. "Es wäre fatal, jetzt die Zusammenarbeit komplett einzufrieren", sagt der Archäologe, "Ich unterscheide zwischen 'auf Eis legen' und 'einfrieren' – Ersteres hat etwas Temporäres und wir hoffen natürlich, dass es irgendwann wieder weitergeht."

Für die in der Moskauer Tretjakow-Galerie gezeigte Ausstellung "Diversity United" kam mit dem Ukraine-Krieg ebenfalls das vorzeitige Aus. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zog die Schirmherrschaft für die von dem Bonner Verein um den Kulturmanager Walter Smerling organisierte Schau zurück. Inzwischen, so heißt es dort, würden die Werke verpackt und seien auf dem Rückweg zu den Leihgebern. "Unsere Absicht, Brücken zu bauen mit Hilfe der Kunst jenseits politischer Schwierigkeiten, hat in diesem Falle nicht funktioniert", so Smerling zur Deutschen Welle. Auch stehe "zu befürchten, dass auf absehbare Zeit Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Russland unter diesen Bedingungen der Unfreiheit und des kriegerischen Handelns keine Chance haben und nicht stattfinden können."

Mutigen Russen drohen Strafen

Karina Iwe vom SMAC in Chemnitz blickt nicht nur mit größter Sorge in die Ukraine. Ihre Gedanken kreisen auch um die Kolleginnen und Kollegen in Russland. Direkt nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine am 24. Februar haben viele namhafte Wissenschaftler und Menschen aus der Kulturbranche einen Protestbrief im Internet unterschrieben. Karin Iwe verfolgte die täglich steigende Zahl der Unterschriften mit bangem Blick: "Am 6. März waren es schon 7500, am 9. März war die Seite dann plötzlich offline", so Iwe. Den mutigen Antikriegs-Appell hat sie auf Russisch aufbewahrt. Jetzt macht sie sich Sorgen um die Unterzeichnenden. "Drohen ihnen Gefängnis, Geldstrafen, Entlassung?"

Der unter einem Grabhügel im Permafrost mumifizierte Körper des jungen Reiters, mitsamt seiner schmuckvollen Kleidung und einem prächtigen hölzernen Halsreif - all das wird am Ende vielleicht doch noch im Chemnitzer SMAG zu sehen sein. Wegen des Ukraine-Krieges zwar nicht im Original, doch "wir planen jetzt etwas, das dank der großartigen Vorarbeit der russischen Museumsleute möglich ist - eine Projektion", so Iwe. Die Schau soll am 1. April im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz beginnen.

Autor Stefan Dege     

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