"Maestro" - Hollywoods Gefühlsdrama über Leonard Bernstein

6 Dez

FОТО: PIXABAY.COM.


Dass ausgerechnet die Nase von Leonard Bernstein Kritikern nicht passte, hätte Regisseur Bradley Cooper wohl nicht gedacht. Jetzt läuft seine Biografie über den charismatischen Dirigenten in den Kinos.

 

Als Leonard Bernstein anlässlich des Mauerfalls in Berlin 1989 Beethovens Neunte Sinfonie dirigierte, da tauschte er im Schlusschor das Wort "Freude" gegen "Freiheit" aus und ließ den Chor "Freiheit schöner Götterfunken" singen. Seinen Schüler, den japanischen Dirigenten Kent Nagano, hatte er einmal spontan in eine Kunst-Ausstellung geführt, statt eine Dirigierstunde abzuhalten.

 

Bernstein war immer für eine Überraschung gut, hatte viele Ideen und war gerne unter Menschen. Er tanzte nicht nur im sprichwörtlichen Sinne auf allen Hochzeiten, sondern tatsächlich auch beim Dirigieren. Das zeigt auch der neue Film "Maestro" von und mit Bradley Cooper. Neben Bernsteins musikalischen Erfolgen zielt Cooper vor allen Dingen auf die persönliche Seite des Dirigenten ab. 


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Da ist zum einen die tiefe Beziehung zu seiner Frau, der in Costa Rica geborenen chilenischen Schauspielerin Felicia Mantealegre, gespielt von Carey Mulligan. Zum anderen geht es um Bernsteins homosexuelle Seite, die seine Ehe stark belastete und gleich am Anfang des Films thematisiert wird. Cooper führt wie bei seinem viel gelobten Musikfilm "A star is Born" auch bei "Maestro" Regie und spielt gleichzeitig selbst die Hauptrolle: Leonard Bernstein in allen Altersstufen.

 

Der Aufreger: Die große Nase des Leonard Bernstein

Im September wurde "Maestro" als Weltpremiere bei den Festspielen in Venedig gezeigt. Jetzt kommt der Film in die Kinos und ist ab dem 20. Dezember auch bei Netflix zu sehen. Das Gefühlsdrama um den charismatischen Dirigenten, Pianisten und Komponisten Leonard Bernstein erntete zwar gute Kritiken, sorgte aber schon vor dem Filmstart für Aufregung. In seiner Detailgenauigkeit trägt Bradley Cooper - um seinem Protagonisten möglichst ähnlich zu sein - eine Nasenprothese mit einer künstlich verlängerten Nase.

Nach den ersten veröffentlichten Szenenausschnitten im vergangenen Jahr gab es bereits den Vorwurf, dass durch eine solch große Nase antisemitische Klischees bedient würden. In den sozialen Netzwerken brach ein regelrechter Shitstorm aus, und Kritiker forderten, man solle den jüdischen Dirigenten Leonard Bernstein mit einem jüdischen Schauspieler besetzen. Ein Ansinnen, das es auch beim sogenannten "Blackfacing" gibt, wenn schwarze Menschen durch entsprechend geschminkte weiße Schauspieler verkörpert werden. Für Bernsteins Kinder war die Nase kein Problem. Die 71-jährige Tochter Jamie Bernstein hatte die Diskussion als lächerlich bezeichnet und gesagt, dass ihr Vater tatsächlich eine "schöne große Nase" gehabt habe.

 

Leonard Bernstein: Musiker, Humanist und Musikerzieher

Leonard Bernstein wurde am 25. August 1918 als Sohn osteuropäischer jüdischer Einwanderer in den USA geboren. Er studierte an der Harvard-Universität neben Musik auch Philosophie, Ästhetik und Sprachwissenschaften. Seinen ersten Auftritt als Pianist hatte Bernstein 1934. Drei Jahre später lernte er seinen Mentor und engen Freund, den Komponisten Aaron Copland kennen. Seine Dirigentenkarriere begann 1940, als er mit 22 Jahren im neu eröffneten Berkshire Music Center vom "Tanglewood Music Festival" dirigierte, eine Kaderschmiede für viele bekannte Musiker und Dirigenten.

Seinen Durchbruch als Dirigent hatte Bernstein 1943. Da musste er den kranken Bruno Walter in der Carnegie Hall bei den New Yorker Philharmonikern vertreten. Die Kritiker überschlugen sich mit Lobeshymnen. Später wurde Bernstein Musikdirektor des Orchesters. Auch das thematisiert der Film.

Als Komponist war Leonard Bernstein beeinflusst vom Jazz und afro-amerikanischen Rhythmen der 1940er-Jahre. Außerdem interessierte er sich für die jüdische Musik und Klänge aus der Heimat seiner Vorfahren. Er war ein großer Musical-Komponist. Der Name Bernstein wird immer verbunden bleiben mit seinem bekanntesten Bühnenwerk, der "West Side Story" von 1957. 1961 wurde es erstmals von Jerome Robbins und Robert Wise verfilmt, 2021 Steven setzte dann Spielberg das Broadway-Musical filmisch um.

 

Leonard Bernstein: der große Lehrer

Bernstein war nicht nur Dirigent und Komponist, sondern auch Geisteswissenschaftler, Humanist und Lehrer. In den 1970er-Jahren erläuterte er im Fernsehen in der Reihe "Young People's Concerts" Grundbegriffe der klassischen Musik und stellte Komponisten auf humorvolle Weise vor. Große Dirigenten wie Herbert Blomstedt, Kent Nagano oder Seiji Ozawa waren Bernsteins Assistenten. Kent Nagano erinnert sich in seinem Buch "10 Lessons of my Life" an besondere Momente mit Bernstein. 

In einer Unterrichtsstunde war Bernstein mit ihm ins Guggenheim Museum gegangen. Sie betrachteten gemeinsam Kunstwerke und unterhielten sich darüber. "Wenn wir Musik machen, sehen und fühlen wir ein Bild in unserer Vorstellung. Wir malen Bilder in einer unendlichen Vielfalt von Farben und Artikulationen", sagte Kent Nagano 2021 im Interview mit der Deutschen Welle. Leonard Bernstein habe damals seine Sinne für die Beziehung zwischen Kunst und Musik geschärft.

 

Der Film: ein großes Epos

Der Film "Maestro" spielt vor allen Dingen in der Zeit, die Leonard Bernstein mit seiner Frau Felicia verbrachte. 25 Jahre lang waren sie ein Paar. Felicia hatte schon kurz nach der Hochzeit 1951 herausgefunden, dass Bernstein homosexuell war. Nach außen führte das Paar zunächst eine vorbildliche Ehe mit drei Kindern, beide hatten aber außereheliche Affären. 1976 verließ Bernstein wegen seiner Homosexualität seine Frau. Als er ein Jahr später erfuhr, dass sie an Lungenkrebs erkrankt war, blieb er bis zu ihrem Tod 1978 an ihrer Seite.

Cooper erzählt von einigen Karriereerfolgen, wie etwa dem Durchbruch als Dirigent in Vertretung von Bruno Walter, hauptsächlich aber von vielen privaten Momenten und Krisen: vom Ringen Bernsteins zwischen Dirigieren und Komponieren und seiner Zerrissenheit zwischen seiner Familie einerseits und seinen Lebenspartnern andererseits. Leonard Bernstein, der ewige Zweifler und Suchende. Ein Mensch, den das Publikum liebte für seinen Humor, für seinen Esprit und seinen musikalischen Ausdruck.

 

Bradley Cooper wollte früher Dirigent werden

Gerade die Musikszenen lagen Bradley Cooper besonders am Herzen. Schließlich habe seine Leidenschaft schon immer der Musik gegolten, sagte er der Presse im Rahmen der Dreharbeiten. Bernsteins Tochter Jamie Bernstein äußerte sich bereits begeistert über den Film und den Regisseur. "Es war unglaublich berührend, dass Bradley sich so viel Mühe gegeben hat, uns nicht nur einzubeziehen, sondern diese Geschichte so authentisch wie möglich zu erzählen", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Als Leonard Bernstein 1990 in New York beerdigt wurde, legten ihm seine Freunde einen Taktstock, ein Stück Bernstein und die Partitur von Gustav Mahlers 5. Sinfonie mit in den Sarg. Jenes Werk, das Bernstein meisterhaft dirigiert hatte. Um in seiner Rolle als Maestro ebenfalls dirigieren zu können, hat Bradley Cooper sechs Jahre lang Unterricht genommen. Mit einer rund sechsminütigen ekstatischen Sequenz von Gustav Mahlers 5. Sinfonie zieht er die Zuschauer in Bann. Das Orchester hat er für den Film in Echtzeit dirigiert. In Venedig ging der nominierte Film bei der Preisverleihung leer aus. Die Oscar-Nominierungen für 2024 stehen noch aus.

 

Autorin Gaby Reucher

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