Marseille: Nachbau der Cosquer-Höhle eröffnet

9 Jun

Als der französische Tauchlehrer Henri Cosquer 1985 bei einer Tauchtour vor Marseille im Mittelmeer in 37 Metern Tiefe den Zugang zu einer gefluteten Höhle entdeckte, wusste er nicht, was für eine archäologische Sensation ihn dort erwartete.

 

Mehrfach tauchte er in den nächsten Monaten mit seinen Begleitern zu dieser Stelle hinunter. Aber erst 1991 gelang es ihm, durch eine Eingangsröhre bis zu der eigentlichen Höhle vorzudringen. Später sollte sie seinen Namen tragen. Der enge, in Stein gehauene Höhlenraum war vollkommen trocken, die Wände mit geheimnisvoller Höhlenmalerei bedeckt.

Die Archäologen und Wissenschaftler, die die Höhle später genauer untersuchten, fanden heraus, dass die Zeichnungen ca. 19.000 bis 27.000 Jahre alt sind. Die Malereien zeigten vor allem Tiere - Seehunde, Fische, Pferde, Wisente, Steinböcke, Meeresvögel -, erstaunlich naturgetreu dargestellt.

Fahrt zu uralten Schätzen 

In der französischen Hafenstadt Marseille, im Süden des Landes, hat am Samstag eine originalgetreue Nachbildung dieser einzigartigen Höhle eröffnet. Sie befindet sich in der Villa Méditerranée, die teilweise unter Wasser liegt. Der futuristische Bau gleicht einem Sprungbrett und liegt neben dem nicht weniger markanten Museum MuCEM in der Nähe des alten Hafens. 23 Millionen Euro hat die Höhlen-Kopie gekostet und ist mit ihren rund 1700 Quadratmetern nur 800 Quadratmeter kleiner als das Original. Wagen wie in einer Geisterbahn kutschieren die Besucherinnen und Besucher zu den zahlreichen nachgebildeten Schätzen der Höhle, wie Stalaktiten und Abbildungen von Bisons, Pinguinen und Co.

Cosquer-Höhle: die einzig bekannte ihrer Art

"Es ist die einzige Steinzeithöhle dieser Art, die wir kennen, also die einzige Unterwasserhöhle", erklärt der Unterwasser-Archäologe Fritz Jürgens von der Uni Kiel, der auch nach solchen Höhlen taucht. "Dort herrschen besonders gute Erhaltungsbedingungen."

Gegen Ende einer Eiszeit wurde diese Höhle, die etwa elf Kilometer von der Küste in Südfrankreich entfernt liegt, von Steinzeitmenschen genutzt und bemalt. Doch durch das Abtauen der Polkappen stieg der Meeresspiegel allmählich, der Höhleneingang lag irgendwann tief unter Wasser.

Die höher gelegene Höhle selbst blieb trocken. "Deshalb finden sich darin Steinzeitkunstwerke, Höhlenmalereien, die 20.0000 Jahre alt und ganz einzigartig sind", sagt Forscher Jürgens im DW-Interview. "Auch der Abdruck einer menschlichen Hand ist dabei und die einzige uns bekannte steinzeitliche Darstellung eines Pinguins."

Schutzmaßnahmen erforderlich

Inzwischen steht die prähistorische Cosquer-Höhle unter Naturschutz. Niemand darf sie ohne wissenschaftliche Gründe betreten. "Die Höhlen von Lascaux zum Beispiel wurden damals auch für Besucher geöffnet", berichtet Fritz Jürgens. "Innerhalb von 50 Jahren haben unsere Fackeln und der Atem der Besucher den Kunstwerken so stark geschadet, dass die Höhle wieder geschlossen wurde." 

Die Cosquer-Höhle ist vom Anstieg des Meeresspiegels durch den Klimawandel bedroht. Wissenschaftler befürchten, dass der Kunstschatz bis Ende des 21. Jahrhunderts ganz vom Wasser verschlungen sein wird.

Gegenstände von der Steinzeit bis zum Zweiten Weltkrieg

Die Unterwasser-Archäologie ist keine eigene wissenschaftliche Disziplin, sondern eine Spezialmethode am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Uni Kiel, wo auch Fritz Jürgens seine Ausbildung gemacht hat. Jedes Jahr werden dort nur zehn bis zwölf Studierende ausgebildet, die Arbeitsmöglichkeiten für Absolventen sind begrenzt.

Sein Fachkollege Florian Huber arbeitet seit vielen Jahren als professioneller Forschungstaucher und taucht in Nord- und Ostsee sowie in großen Binnenseen in Deutschland. "Wir finden als Unterwasser-Archäologen tatsächlich von der Steinzeit bis zum Zweiten Weltkrieg alle möglichen Gegenstände, die irgendwann ins Wasser geworfen wurden oder ins Wasser gelangt sind", erläutert er im DW-Interview. "Natürlich gehören Schiffswracks dazu, die wir überall finden - in Flüssen, Seen und in Meeren. Und wir finden untergegangene Siedlungen, die aufgrund des gestiegenen Meeresspiegels heute unter Wasser liegen." 

Das sei ein Vorteil gegenüber der herkömmlichen Archäologie, sagt auch Fritz Jürgens. "Unter Wasser bleiben Dinge erhalten, die an Land längst verschwunden wären: alle organischen Materialien, zum Beispiel Textilien, Leder und Holz. An Land überstehen diese es nur in den seltensten Fällen."

Das meiste sind Zufallsfunde

Einen klaren Nachteil hat die archäologische Forschungsarbeit unter Wasser aber auch: Das GPS-System, das an Land schon manchen Sensationsfund aus der Luft ermöglich hat, funktioniert in größerer Wassertiefe nicht. "Das geht nur ein paar Zentimeter unter die Wasseroberfläche. Dann bricht es ab", räumt Unterwasser-Archäologe Florian Huber ein.

"Was wir in der Unterwasser-Archäologie verwenden, um Funde aufzuspüren, sind Sidescans oder Multibeam. Das kann man sich so vorstellen, dass wir den Meeresboden mit akustischen Signalen abtasten. Die werden reflektiert, kommen wieder ans Forschungsschiff zurück und werden im Computer in Bild umgewandelt. Und dann können wir sehen, ob da ein Wrack am Meeresboden liegt." Auch auf historische Seekarten oder Logbücher greift er zurück.

Die meisten archäologischen Funde sind per Zufall entdeckt worden, sagt Huber. "Es werden immer neue Funde unter Wasser gemacht. Sei es beim Bau von neuen Hafenanlagen, aber auch durch Sporttaucher, die runtergehen und irgendwo Schiffswracks, Bootsreste oder Pfähle unter Wasser entdecken." Dank einer Meldepflicht in Deutschland erfahren die Forschenden in der Regel schnell davon und können die Funde sichern.

Unterwasser-Archäologen tauchen nicht nur zu Forschungszwecken. Huber ist mit seiner Kieler Firma oft im Auftrag des World Wildlife Fund (WWF) unterwegs. "Vor allem um Geisternetze in der Ostsee zu bergen. Das sind herrenlos umhertreibende Fischernetze, die verloren gegangen sind, aber weiter im Meer treiben. Und da können sich Fische, Vögel, Wale, Robben, Schildkröten oder was auch immer, drin verheddern und sterben. Das ist auch ein großes Mikroplastik-Problem."

Bei so einem Auftrag gelang ihm und seinem Team 2020 ein sensationeller Fund - nicht aus der Steinzeit, sondern aus dem Zweiten Weltkrieg. "Beim Runtertauchen haben wir in einem dieser Netze eine Enigma gefunden. Das war eine Schreibmaschine, kann man vereinfacht sagen: eine Dechiffrier-Maschine der Nazis aus dem Zweiten Weltkrieg. Damit haben Geheimdienste und Militärs verschlüsselte Botschaften verschickt."

Der archäologische Fund sorgte für Aufsehen in der Fachwelt und ging rund um den Globus durch die Presse. Das Team bekam Interview-Anfragen aus der ganzen Welt. Das, so Huber im DW-Interview, sei für sie als Wissenschaftler mehr wert als der Fund von antiken Gold- und Silbermünzen.

 

Autorinen: Heike Mund, Christine Lehnen 

Permalink https://p.dw.com/p/3rxtM


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