Netflix feiert "Die wilden Neunziger"

20 Jan

Ist das nur ein Hype oder schon ein ausgemachtes Revival? Vielleicht liegt es an einer ungeschriebenen Mode-Regel, dass mancherorts von einem Comeback der 1990er-Jahre die Rede ist. Besagter Regel folgend leben angesagte Trends 20 Jahre später neu auf, manchmal mehr, manchmal weniger pünktlich.

                                                 

Ausgerechnet Netflix, ein Streaminganbieter, dessen Existenz und Technologie in den 90ern etwa so real waren wie Marty McFlys Hoverboard aus "Zurück in die Zukunft", trägt nun zum Aufleben des Jahrzehnts bei. Mit "Die wilden Neunziger!" legt Netflix eine Serie aus den 90er-Jahren neu auf, die wiederum in den 1970ern spielte. Der Titel damals - unschwer zu erraten: "Die wilden Siebziger". Soviel zur 20-Jahre-Regel. Damals drehte sich alles um Eric und seine Freundin Donna, die im Keller von Erics Elternhaus mit Freunden kiffen. Ashton Kutcher und Mila Kunis gelang mit der Serie der Einstieg ins Filmgeschäft.

In der Neuauflage (Start 19. Januar) verbringt Leia, die Tochter von Eric und Donna, den Sommer bei ihren Großeltern. Deren Haus - und damit das Setting der Serie - ist unverändert, auch die neue Generation Teenager nistet sich im Keller ein, wo gekifft und getrunken wird. Der Zeitsprung zur 70er-Jahre-Serie spiegelt sich vor allem in der Kleidung der Teenager wider: In den 1990ern waren bauchfreie Tops, Leggings und zerschlissene Jeans angesagt. Die Serie bringt ein Comedy-Element zurück, auf das moderne Formate - selbst im Sitcom-Metier - heute eher verzichten: das vom Band eingespielte Lachen eines gar nicht vorhandenen Publikums. 


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Aber werfen wir einen Blick zurück in die 1990er-Jahre. Politisch kann eine Dekade kaum besser beginnen. Kurz vor dem Start ins neue Jahrzehnt war die Berliner Mauer gefallen, der Kalte Krieg galt als beendet.  Damit verbunden war die Aussicht auf eine bessere, sichere und friedliche Zukunft voller Wohlstand und die Hoffnung auf Reise- und Meinungsfreiheit. 

Ein kultureller Ausdruck dieser Aufbruchstimmung war die Loveparade, die seit 1989 einmal im Jahr durch die Straßen Berlins zog und in den 1990ern zum weltweit beachteten Phänomen wurden. Aus einer Subkultur entstanden, tanzten und feierten bald Hunderttausende hedonistisch und selbstvergessen bis zur Ekstase, aber stets unter einem politischen Motto. "Die Loveparade war das Allerwichtigste am Vereinigungsprozess nach der Wende", sagte Loveparade-Gründer Dr. Motte in einem DW-Interview.

Auf der Kinoleinwand setzte der Fortschritt der Tricktechnik neue Maßstäbe - und erweckte sogar Urzeitwesen zum Leben. Steven Spielbergs "Jurassic Park" lehrte die Zuschauer 1992 das Fürchten, ließ zwei Sequels folgen und sollte später auch die 20-Jahre-Regel bestätigen: Getreu nach dem Motto "Was einmal funktioniert hat" legte Hollywood ab 2015 mit der "Jurassic World"-Trilogie und modernsten CGI-Computereffekten noch einmal nach im Kampf gegen wütende Dinosaurier.

Auch das Fernsehen traute sich an neue Stoffe und Erzählweisen. "Sex and the City" folgte ab 1998 vier New Yorker Freundinnen durch ihr Liebesleben, inszenierte die Protagonistinnen als selbst bestimmte Frauen und schreckte vor (sexuellen) Tabus nicht zurück. Am Ende wollten sie zwar doch alle nur ihren Traumprinzen finden, aber gut. Es folgten zwei Kinofilme und 2021 die zehnteilige Serien-Fortsetzung "And Just Like That ...".

Auch musikalisch hatten die 1990er-Jahre einiges zu bieten. Rap entwickelte sich vom Soundtrack der marginalisierten schwarzen Jugend zum globalen Business. In der Rockszene tat sich mit Grunge eine Nische auf, die bald alles überrollen sollte. Aus einer Antihaltung gegen Konsum und Perspektivlosigkeit heraus, trugen Protagonisten wie Nirvana oder Pearl Jam abgetragene Flanellhemden oder großväterliche Strickjacken. Es dauerte nicht lange, bis daraus ein Modetrend wurde.

Wer und was in den 1990er-Jahren in Europa die Charts beherrschte, stand in einem krassen Kontrast zu den USA. Der Techno-Boom spülte vor allem poppige Dance-Sounds durch die Diskotheken und prägte den Begriff "Eurodance". Dr. Alban aus Schweden, Whigfield aus Dänemark oder 2 Unlimited aus den Niederlanden führten die Bewegung an. In Deutschland mauserte sich die Techno-Popband Scooter mit einprägsamen Titeln wie "Hyper Hyper" oder "How Much is the Fish" zum heute drittgrößten Musikexport (nach Rammstein und den Scorpions).

New Kids on the Block, Backstreet Boys, Spice Girls: Die 1990er-Jahre machten Retortenbands salonfähig. Talentierte Sängerinnen und Sänger, die sich vorher selten kannten, wurden gecastet und zu einer Band verschmolzen, gerne auch in einer TV-Sendung. In England emanzipierte sich 1995 Robbie Williams von seiner Casting-Band Take That. Wie tragisch sein Ausstieg und das kurz darauf verkündete Ende der Band für Fans war, können heute wohl nur Anhängerinnen und Anhänger der aktuell pausierenden K-Pop-Gruppe BTS nachempfinden. Die südkoreanische Musikindustrie hat das Casting-Prinzip perfektioniert.

Sofern die 20-Jahre-Regel zutrifft, müsste sie sich logischerweise nach weiteren 20 Jahren zu einer 40-Jahre-Regel addieren, zeitliche Verschiebungen inbegriffen. Und siehe da: Die Schlaghose, Megatrend in den 70er- und folglich auch den 90er-Jahren, gehört heute wieder zum Grundstock einer angesagten Teenager-Garderobe. Auch die zwischenzeitlich verhassten Plateauschuhe erleben ein Revival, kombiniert mit Spangen und Scrunchies in den Haaren und Smokey Eyes. Wer erinnert sich nicht an diesen Satz aus dem Elternhaus: "Alles schon mal da gewesen!"

Kassetten und der Walkman hatten in den 1990ern ebenso ausgedient wie die Schallplatte. Die CD machte beide überflüssig, sie war klein, transportabel und weniger anfällig als Vinyl-Scheiben. Und neben den praktischen Aspekten klang sie auch noch besser. Wer hätte damals gedacht, dass es einmal möglich sein würde, seine gesamte Musikbibliothek eines Tages ohne ein Trägermedium jederzeit bei sich zu haben? So ereilte die CD durch die Streamingdienste irgendwann das Schicksal der Vinylplatte. Ausgerechnet die erlebte unlängst eine Renaissance. Ästheten schätzen ihren warmen und knisternden Sound.

Quentin Tarantino legte mit "Pulp Fiction" 1994 nicht nur einen starbesetzten Kultfilm vor, er trug nebenbei auch zum Erhalt der 20-Jahre-Regel bei: Ikonisch in Erinnerung blieb die Tanzszene zwischen Uma Thurman und John Travolta - eine Reminiszenz an dessen Tanzfilme "Saturday Night Fever" und "Grease" aus den 70er-Jahren. Die Filmkritik feierte damals, Tarantino habe mit seinen coolen Filmhelden das Kino vom Mief der 80er entstaubt. 

Und dann war da noch Brad Pitt: Er legte in den 1990er-Jahren den Grundstein für eine Weltkarriere. Angefangen mit einer kleinen Rolle in "Thelma & Louise", folgten Auftritte in "Interview mit einem Vampir", "Sieben" und "Fight Club". Während viele Stars des Jahrzehnts mit dem Beginn des neuen Jahrtausends von der Bildfläche verschwanden, ist Brad Pitt heute erfolgreicher denn je. 2020 erhielt er den Oscar für seine Rolle in Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood". Dafür brauchte Pitt nicht mal ein Comeback, er war einfach nie weg vom Fenster. Da lässt es sich zur Filmpremiere auch entspannt im Rock auftauchen.

 

Autor Torsten Landsberg    

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