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Opfer sexualisierten Missbrauchs werden an deutschen Schulen immer noch allzu häufig im Stich gelassen. Eine Studie macht deutlich, wie allgegenwärtig Missbrauch ist und wie selten er ernst genommen wird.
Ein bis zwei Kinder pro Schulklasse seien betroffen von sexualisierter Gewalt durch Lehrkräfte, andere Schulbedienstete oder andere Schülerinnen und Schüler. Das zumindest ist die Schätzung der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Eine Studie im Auftrag des Gremiums kommt zu dem Schluss, dass Kinder, die in Schulen Opfer sexualisierter Gewalt werden, vom Schulsystem regelmäßig im Stich gelassen werden - mit schwerwiegenden Konsequenzen für das künftige Leben und den beruflichen Werdegang.
"Oft gab es Mitwissende, die Kollegialität vor den Schutz der Kinder gestellt haben, Übergriffe ignoriert oder sogar vertuscht haben, um den Ruf der Schule zu schützen", erklärten Mitglieder der Aufarbeitungskommission kürzlich bei der Präsentation der Fallstudie. "Betroffene reagierten darauf häufig mit eigenen Strategien, um der Gewalt zu entkommen, und schwänzten beispielsweise die Schule." Einige wiederholten gar absichtlich eine Jahrgangsstufe, um möglicherweise einen Wechsel zu einer neuen Lehrkraft zu erreichen und den Missbrauch zu beenden.
Die Autorinnen und Autoren der Studie evaluierten 133 Berichte und Anhörungen von Menschen, die an der Schule sexualisierte Gewalt erlebt hatten. Die Berichte stammten aus den Jahren 1949 bis 2010 und umfassten auch Berichte aus der früheren DDR. Bei fast 80 Prozent handelte es sich um weibliche Überlebende, während 98 Prozent der Täter männlich waren. Fast 40 Prozent der Tatpersonen waren Lehrkräfte, ein Viertel gehörte zur Schülerschaft.
Fast 70 Prozent der Opfer, deren Fälle in der Studie betrachtet wurden, vermuteten, dass andere Personen an der Schule von der sexualisierten Gewalt wussten. "Alle Betroffenen berichteten uns jedoch, dass es für sie extrem schwierig war, kompetente Hilfe und Unterstützung zu erhalten", sagt Julia Gebrande, Vorsitzende der Aufarbeitungskommission.
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Der Ruf zählt mehr als Gerechtigkeit
Die Studie enthält einen exemplarischen Fall aus den 1990er Jahren: Bei einem Lehrer gingen Beschwerden über einen Sportlehrer ein, der immer wieder die Umkleidekabinen der Mädchen betrat. Der zur Hilfe Gerufene beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, und sah seinen Kollegen, wie er ohne Anzuklopfen in die Umkleidekabinen der Sechstklässlerinnen ging. Als er seine Beobachtungen der Schulverwaltung meldete, wurde ihm gesagt, dass er sich irren müsse. So etwas würde sein Kollege "niemals machen".
Er sei "bei diesem Thema einfach übersensibilisiert". Es folgte der Vorwurf, er würde den Ruf der Schule beschädigen. Nicht nur wurden die Vorfälle nie untersucht. Der Lehrer, der sie gemeldet hatte, wurde sogar aufgefordert, sich persönlich bei seinem Kollegen zu entschuldigen. "Es ist eine Taktik der Täter, sich selbst als sehr engagiert und hilfsbereit zu präsentieren. Sie machen sich selbst unverzichtbar. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass so ein netter Kollege Kinder missbrauchen könnte", erläutert Gebrande.
Odenwaldschule: Hunderte von Missbrauchsfällen
Große öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr das Thema sexualisierte Gewalt an deutschen Schulen, als die "Berliner Morgenpost" 2010 von Missbrauchsfällen am Canisius-Kolleg, einer katholischen Privatschule in Berlin, berichtete. Hunderte von Opfern an anderen Einrichtungen, insbesondere von der Odenwaldschule, einem privaten Internat in Hessen, meldeten sich daraufhin mit ihren eigenen Geschichten. Der Skandal führte zur Ernennung der ersten Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM) durch die deutsche Regierung im Jahr 2010. 2016 wurde die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs geschaffen.
In einer in den Jahren 2023 und 2024 durchgeführten Studie befragte das Deutsche Jugendinstitut, eines der größten europäischen sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitute, 1600 Jugendliche. Die Hälfte von ihnen gab an, im vorangegangenen Jahr sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Umfassende empirische Daten über sexualisierte Gewalt an deutschen Schulen fehlen jedoch. Entsprechende Untersuchungen wurden bisher an lediglich zwei staatlichen Schulen in Deutschland durchgeführt. "Es gibt noch immer keine Strukturen für den Umgang mit diesem Thema in den Schulen oder in den Schulaufsichtsbehörden", beklagt Gebrande. "Darum hätten wir gerne, dass es zu einem wesentlichen Bestandteil der Lehrerausbildung wird."
"Alleingelassen, ausgeliefert und hilflos"
Die aktuelle Studie lenkt die Aufmerksamkeit auf ein weiteres großes Problem: Vielen Opfern fehlen die Worte, um zu beschreiben, was ihnen zugestoßen ist. Häufig sind sie selbst nicht in der Lage, zu erkennen, dass es sich um sexualisierte Gewalt handelt. Eine Frau mit dem Namen Julia berichtete der Kommission, wie sie in den 1970er Jahren, im Alter von nur 13 Jahren, eine mehrere Jahre dauernde sexuelle Beziehung mit ihrem anfangs 32-jährigen Kunstlehrer begann. Erst Jahre später, als sie einen Zeitungsartikel über einen ähnlichen Fall las, sei ihr plötzlich klar geworden, "dass es sexueller Missbrauch war, was mir passiert ist".
In einem weiteren Fall aus den 1990ern wurde Lea, eine Transfrau, die damals noch als Junge lebte, wiederholt von einer Gruppe männlicher Zehntklässler verbal, körperlich und sexualisiert attackiert. Sie nahm all ihren Mut zusammen, um sich einem Lehrer anzuvertrauen, konnte die sexualisierte Gewalt aus Scham jedoch nicht beschreiben. Der Lehrer bot ihr keine Unterstützung an, sondern sagte ihr, die Kinder sollten das unter sich klären. Die Einmischung durch einen Erwachsenen würde es nur noch schlimmer machen.
Ihr wurde gesagt, Grobheiten und Konflikte seien in diesem Alter bis zu einem bestimmten Punkt normal, gerade unter Jungen. "Ich fühlte mich alleingelassen, ausgeliefert und hilflos", beschrieb sie der Kommission. "Für die Täter hatten die Taten keine offensichtlichen Konsequenzen - erst recht keine direkten. Ihr Verhalten wurde sogar noch dadurch bestätigt, dass ihnen nichts entgegenstand."
Neues Gesetz gegen sexualisierte Gewalt an Kindern
Am 1. Juli ist ein Gesetz zur Stärkung der Strukturen gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Kraft getreten. Es sieht unter anderem die Einrichtung eines Betroffenenrats vor. Ab 2026 soll jährlich eine Studie durchgeführt werden, die feststellen soll, wie verbreitet sexualisierte Gewalt unter 14- und 15-Jährigen ist. Gebrande hofft, dass die Studie wie auch die institutionellen Veränderungen Menschen Mut geben. Damit sie gegen sexuelle Gewalt an Kindern in ihrem Umfeld vorgehen, eigene Erlebnisse während der Schulzeit aufarbeiten und Betroffenen zuhören. Bisher sei dies kaum der Fall: "Unserer Erfahrung nach kommt es nur dann zu Untersuchungen, wenn Opfer über die Medien Druck auf Institutionen ausüben."
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo
Autorin Helen Whittle
Permalink - https://p.dw.com/p/54rGt
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Trauma: Wenn Betroffene sexualisierter Gewalt Eltern werden
Was bedeutet es für Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch, selbst Kinder zu bekommen und Verantwortung für sie zu übernehmen? Das ist Schwerpunkt einer neuen Studie.
"Viele Überlebende machen sich wirklich Gedanken darüber, ob sie Kinder haben wollen oder nicht, weil sie solche Angst haben: Was ist, wenn es auch meinen Kindern passiert? Was ist, wenn ich meine Kinder nicht ausreichend schützen kann?" Das sagt Ava Anna Johannson, eine der Betroffenen, die an der Studie beteiligt waren, die von der "Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" in Deutschland in Auftrag gegeben wurde.
Johannson hat es selbst erlebt - oder wie Betroffene oft sagen - sie hat das überlebt: Kindesmissbrauch, sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Sie wuchs in Norddeutschland auf und wurde ab ihrem dritten Lebensjahr von ihrem Großvater und anderen Familienmitgliedern sexuell missbraucht. Nach einer schwierigen Jugend mit Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken schloss Johannson die Schule ab. Sie studierte, heiratete und bekam Kinder.
"Als meine Kinder neun und elf Jahre alt waren, brach mein Leben auseinander, da mich die Erinnerungen an den Missbrauch überrollt haben. Es gab etliche Aufenthalte in der Psychiatrie und Jahre, in denen ich vor allem mit der Bewältigung der Folgen beschäftigt war", berichtet sie. Vor allem ihre Kinder hätten darunter gelitten: "Sexualisierte Gewalt gegen Kinder hat lebenslange Auswirkungen für die Betroffenen und auch für ihre Kinder.“
Die Autorinnen befragten mehr als 600 Betroffene von sexuellem Missbrauch in der Kindheit, 84 Prozent davon waren Frauen. "Traumatische Erfahrungen können an die nächste Generation weitergegeben werden, aber das ist nicht zwangsläufig der Fall. Die Gefahr ist nicht, dass die Eltern Gewalt erlebt haben - die Gefahr ist, dass sie nicht genügend Unterstützung bekommen und allein gelassen werden", sagt die Soziologin Barbara Kavemann, eine der Studien-Autorinnen, der DW.
Geburt erinnert Betroffene an Missbrauchserfahrung
Viele Befragte nannten in diesem Zusammenhang das Thema Geburt. Auch bei Ava Anna Johannson wurde das Trauma des früheren Missbrauchs wieder lebendig, als sie ihr erstes Kind zur Welt brachte. Ein medizinischer Eingriff zur Erweiterung des Geburtskanals, der sogenannte Dammschnitt, war besonders traumatisch. "Das hat mich total schockiert", erzählt sie. "Ich hatte das starke Gefühl, wie ein Objekt behandelt zu werden, dass es absolut nicht um mich und meine Bedürfnisse ging, dass über mich gesprochen wurde und nicht mit mir."
Johansson beschreibt ein Gefühl der Ohnmacht und Respektlosigkeit bei der Geburt, von dem auch viele Frauen ohne Erfahrungen sexueller Gewalt berichten. "Ich wurde aufgeschnitten, um das Baby herauszupressen, ohne dass ich gewarnt wurde. Ich denke, da gibt es eine starke Parallele zum Missbrauch, dieses 'Einfach-nicht-darüber-sprechen-dürfen'", erklärt sie. "Man hat sich zu freuen, weil das Kind gesund zur Welt gekommen ist."
Soziologin Barbara Kavemann fordert, dass Pflegekräfte und Hebammen, die oftmals die Vorgeschichte der Betroffenen nicht kennen, geschult werden: "Es gibt unglaublich wenig Sensibilität bei der Geburt und das ist ein generelles Thema. Das betrifft nicht nur Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, aber die betrifft es besonders."
Überlebende sexueller Gewalt brauchen mehr Unterstützung
Vor allem bei den befragten Männern der Studie ist die Angst groß, selbst zum Täter zu werden. Das halte sie einerseits sogar davon ab, Kinder zu bekommen, andererseits aber auch davon, dringend benötigte Unterstützung zu suchen. "Sie haben Angst, bei Beratungsstellen, Jugendämtern und anderen Einrichtungen um Unterstützung zu bitten, weil sie als Gewaltopfer stigmatisiert werden und man ihnen sagt, sie könnten sich nicht um ihre Kinder kümmern", erläutert Kavemann.
Wichtig sei auch, dass Eltern ihren Kindern erklären, was in der Vergangenheit passiert sei, und dass sie Fragen beantworten könnten. "Kinder können mit diesen Dingen umgehen, wenn sie wissen und sehen, dass sie und ihre Eltern ein Recht auf Unterstützung haben, und vor allem, dass sie wissen, dass es nicht ihre Schuld ist", sagt sie.
Johansson stimmt zu. Sie sagt, dass sich für sie viel verändert habe, als sie endlich mit ihren Kindern darüber sprechen konnte, was ihr selbst als Kind widerfahren war. "Es begann damit, dass ich ihnen sagte, dass es mir nicht gut ging, dass es einen Grund dafür gab und dass ich Unterstützung gesucht habe. Das war für mich immer das Wichtigste, dass meine Kinder sich keine Sorgen um mich machen müssen, dass sie sich nicht schuldig fühlen, und dass ich Hilfe bekomme."
Sexueller Missbrauch an 54 Kindern und Jugendlichen jeden Tag
Die vom Bundestag eingesetzte "Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" untersucht Ausmaß, Art und Folgen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR seit 2016. Die Kommission führt Befragungen durch und veröffentlicht Berichte mit Empfehlungen zur Prävention und zur angemessenen Anerkennung der Überlebenden.
Genaue Informationen über die Verbreitung von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland sind wegen unzureichender Daten nicht verfügbar. Die Weltgesundheitsorganisation hat Deutschland aufgefordert, diese Lücke zu schließen, um das Problem stärker in die Öffentlichkeit zu rücken. Die neuesten Statistiken des Bundeskriminalamtes gehen davon aus, dass in Deutschland täglich 54 Kinder und Jugendliche von sexuellem Missbrauchs betroffen sind.
Ein großes Problem sieht die Soziologin Kavemann darin, dass sexuellem Kindesmissbrauch in Familien im Vergleich zu Fällen in Institutionen - wie etwa der katholischen Kirche - zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich viele Betroffene aufgrund ihrer Erfahrungen gegen Kinder entscheiden. Und andere aufgrund der von den Tätern verursachten körperlichen Schäden gar keine Kinder bekommen können.
Ava Anna Johannson, die noch immer an den Folgen des an ihr verübten Missbrauchs zu leiden hat, ist deshalb besonders stolz, sich ins Leben zurück gekämpft zu haben. "Ich hatte einen schwierigen Start ins Leben, aber ich habe das Beste daraus gemacht und ich glaube, ich konnte meine Kinder gut begleiten."
Autorin Helen Whittle
Permalink - https://p.dw.com/p/4rPWF


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