Oscars 2022: Welche Chancen haben Frauen auf den Regie-Oscar?

24 Mär

"Well, the time has come…" ("Nun, die Zeit ist reif…") verkündet Barbra Streisand, als sie die Gewinnerin des Regie-Oscars aus dem Briefumschlag im Jahr 2010 zieht. 

Zum ersten Mal in der damals 81-jährigen Geschichte der Academy Awards gewinnt eine Frau eine der wichtigsten Kategorie. Die Überraschung in Kathryn Bigelows Augen ist groß. Sie setzte sich mit ihrem Film "The Hurt Locker" gegen James Cameron und Quentin Tarantino durch.

Bis 2010 gab es in dieser prestigeträchtigen Kategorie überhaupt nur vier weibliche Nominierungen: Lina Wertmüller (1977), Jane Campion (1994), Sofia Coppola (2004), Kathryn Bigelow (2010). Vergangenes Jahr dann die Sensation: Zum ersten Mal in der Geschichte der Oscars wurden zwei Frauen nominiert - Chloé Zhao und Emerald Fennell. Mit "Nomadland" gewann Zhao die begehrte Trophäe. Auch in diesem Jahr gibt es einen Präzedenzfall - Jane Campion ist die erste Filmemacherin, die zum zweiten Mal in der Kategorie "Beste Regie" nominiert wurde. Ist die Academy diverser geworden?

"Ich zögere, dies als Fortschritt zu bezeichnen. Ich denke, es wäre treffender, es als ein Nachgeben gegenüber den anhaltenden Einwänden aus der Gemeinschaft zu bezeichnen, dass etwas ernsthaft nicht stimmt, wenn Jahr für Jahr keine Frauen nominiert werden", sagt Martha Lauzen, Direktorin am Center for the Study of Women in Television & Film an der San Diego State University. "Der routinemäßige Ausschluss von Frauen in einer der prestigeträchtigsten Kategorien durch die Academy war einfach nicht mehr tragbar oder zu rechtfertigen."

Das Ungleichgewicht in der Filmindustrie

Schritt für Schritt betreten selbstbewusste Frauen die stark von Männern dominierten Gewerke in der Filmbranche. Laut dem aktuellen Celluloid Ceiling Report, der seit 24 Jahren jährlich erscheint und die Beschäftigung von Frauen in den 250 umsatzstärksten US-Filmen erforscht, geht das allerdings nur sehr langsam voran - mit einem erneuten Rückschlag, wie der diesjährige Report zeigt.

Nach einem historischen Höchststand im Jahr 2020 saßen ein Jahr später wieder weniger Frauen auf dem Regiestuhl. So sank der Anteil der Regisseurinnen an den 250 besten Filmen von 18 auf 17 Prozent. Der Anteil der Regisseurinnen, die an den Top-100-Filmen arbeiten, sank von 16 Prozent auf 12 Prozent. Auch in anderen Filmberufen sind Frauen stark unterrepräsentiert: Im Jahr 2021 hatten 94 Prozent der 250 besten US-Filme keine weiblichen Kameraleute, 92 Prozent keine Filmkomponistinnen, 82 Prozent keine Regisseurinnen, 73 Prozent keine Cutterinnen und 72 Prozent keine Drehbuchautorinnen.

Keine Vorschusslorbeeren

"Die Akademie spiegelt die Einstellungen und Vorurteile der größeren Mainstream-Filmgemeinschaft wider. Diese Vorurteile benachteiligen Frauen, die Regie führen. Dazu gehört auch der unbegründete Gedanke, dass Frauen nicht die nötige Vision und Interesse hätten, um große Studiofilme zu leiten", so Martha Lauzen. "Während Studios und Finanziers bereit waren, viel Geld in aufstrebende männliche Regisseure zu investieren, waren sie weniger bereit, in vielversprechende weibliche Regisseure zu investieren, die in der Regel als 'riskante Kandidaten' galten."

Einer der bekanntesten Profiteure dieser Voreingenommenheit sei Colin Trevorrow. Bevor er bei "Jurassic World" Regie führte, habe Trevorrow nur einen kleinen unabhängigen Film gedreht. "Man erzählt sich, dass Trevorrow Steven Spielberg an sein jüngeres Ich erinnert habe und deswegen den Job bekam. Spielberg war bereit, einem relativ unerprobten Regisseur eine Chance zu geben. Bei Frauen, die Regie führen, ist es viel unwahrscheinlicher, dass sie von dieser Art Voreingenommenheit profitieren", sagt Martha Lauzen.

Wendepunkt für Frauen?

Lange Zeit war die Filmbranche eine reine Männerdomäne, doch die Kontroverse um mangelnde Vielfalt kocht bei Hollywoods höchsten Filmpreisen immer wieder hoch. In den vergangenen Jahren gab es eine Welle von Kritik, mal unter dem Hashtag #OscarsSoMale, mal unter #OscarsSoWhite, als schwarze Talente und andere Minderheiten übergangen wurden. Im Zuge der "Black Lives Matter"-Debatte nach dem Mord an George Floyd und den "MeToo"-Protesten hat die Academy zaghafte Reformen angekündigt. Schließlich ist Diversität in der Filmszene schon längst ein beliebtes Buzzword.

So wurde der Anteil der Frauen des 54-köpfigen Board of Governors, das über die Gewinner entscheidet, von 26 auf 31 aufgestockt. Auch in der Kategorie "Bester Film" wurden Reformen angekündigt. Nominiert und dementsprechend ausgezeichnet werden können ab 2024 nur noch diejenigen Filme, die zwei Diversitätskriterien erfüllen - und zwar in den vier Bereichen Schauspiel, Produktions- und Kreativteam, Ausbildung, Marketing und Vertrieb. Beispielsweise könnte eine Hauptdarstellerin oder Hauptdarsteller einer Minderheit angehören, etwa afroamerikanischer, asiatischer, hispanischer oder indigener Abstammung sein. Als ein weiteres Kriterium führt die Filmakademie inhaltliche Aspekte an: Filmbeiträge sollten demnach ein Thema behandeln, das sich um Frauen, Minderheiten, Menschen mit Behinderungen oder LGBT-Inhalte dreht - also Lesben, Schwule, bisexuelle und Trans-Menschen.

Zudem wollte sich die Academy in jüngster Zeit auch für das Publikum öffnen, denn die Organisatoren verzeichnen drastisch sinkende Publikumszahlen bei der Preisverleihung. Bei der Zeremonie im vergangenen Jahr schalteten nur noch rund zehn Millionen Menschen zu - weniger als die Hälfte der TV-Zuschauer von 2020. Nun haben die Organisatoren der Oscar-Verleihung einen Publikumspreis eingeführt, bei dem die Filmfans im Internet abstimmen können.

Die Filmbranche in Deutschland

Auch in Deutschland wird längst über die Herausforderungen von Frauen in der Filmbranche und die notwendigen Reformen diskutiert. Folgendes Beispiel macht die Diskrepanz sehr anschaulich: Es gibt deutlich mehr Absolventinnen an den Filmhochschulen als anschließend Frauen im Filmgeschäft. Bei den männlichen Absolventen und Berufstätigen sind die Zahlen genau umgekehrt.

"Zwar sind Frauen mit 25 Prozent in der Regie mittlerweile etwas häufiger vertreten als noch vor ein paar Jahren - nach wie vor müssen aber Regisseurinnen deutlich mehr Hürden überspringen als ihre männlichen Kollegen. Durchhaltevermögen, Durchsetzungskraft und Flexibilität zählen bei der Regie zu den Erfolgsfaktoren, und dieses Rüstzeug wird immer noch eher Männern zugetraut als Frauen", sagt Sarah Duve-Schmid, stellvertretende Vorstandsvorsitzende und Leiterin Förderung bei der Filmförderungsanstalt (FFA). "Hohe Arbeitsbelastung, lange häusliche Abwesenheiten, aber auch häufig fehlende Betreuungsinfrastrukturen und eine schlechtere Bezahlung, das sind Faktoren, die sich nach wie vor schwierig gestalten und dazu führen, dass sich Frauen nach der Filmhochschule oder später beruflich anders orientieren, temporär aus ihrem Beruf aussteigen und der Branche verloren gehen", so Sarah Duve-Schmid.

Es gebe durchaus eine neue Aufmerksamkeit für Filme von Frauen, eine besondere Neugier, eine verstärkte Wahrnehmung und gerade in letzter Zeit auch viel Anerkennung. Es habe sich schon sehr viel verändert, da insgesamt in der Gesellschaft eine Sensibilität für das Thema Gleichberechtigung geschaffen wurde, die es vorher so nicht gegeben habe, sagt Duve-Schmid. "Was die Förderung von Projekten unter weiblicher Regie betrifft, findet bei der FFA ein regelmäßiges Monitoring der eingereichten Projekte und Förderzusagen statt. Es lässt sich feststellen: Seit einigen Jahren gibt es deutlich mehr Anträge für Kinoprojekte mit weiblicher Regie - und diese werden auch proportional öfter gefördert. In jedem Fall gibt es in unseren Fördergremien eine ausgeprägte Aufmerksamkeit darauf, die Projekte von Frauen zu prüfen und auch Produktionsfirmen darin zu bestärken, Projekte von Frauen einzureichen."

Und Regisseurinnen in Deutschland wie Karoline Herfurth, Jutta Brückner, Nina Grosse, Katja von Garnier, Anika Decker, Caroline Link, Nicolette Krebitz, Julia von Heinz und viele mehr betreten zunehmend selbstbewusster den roten Teppich - und fordern sich ihren Platz in der Branche ein.

Autorin Rayna Breuer

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