Prag-Tourismus: Neustart nach der Pandemie?

14 Jul

Es ist ein heißer Donnerstagnachmittag und unzählige Fahrgäste strömen in die U-Bahn-Station Malostranská. Seit ein paar Jahren war sie so gut wie ausgestorben. Außer der Burg, einer beliebten Touristenattraktion, gibt es in der Umgebung wenig zu sehen.

 

Doch nun scheint wieder alles beim Alten: Menschen mit Reiseführern in der Hand, Baseballmützen auf dem Kopf und geschulterten Rucksäcken warten an der Haltestelle - ein Indiz, dass der Tourismus in der tschechischen Hauptstadt diesen Sommer wieder in Schwung kommen könnte.

Nach Angaben des tschechischen Statistikamtes (CSO) zählte das Land im ersten Quartal 2022 fast drei Millionen Besucher, ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den gerade einmal 280.000 Besuchern des Vorjahres.

Die Tourismusbranche atmet auf. Es herrsche Optimismus, dass sich die Industrie von den "schweren wirtschaftlichen Verlusten" der letzten zwei Jahre erhole, sagt Klára Malá von Prague City Tourism. "Die Menschen sind wieder bereit zu reisen. Wir sehen immer mehr Touristen auf den Straßen Prags", fügt sie hinzu.

Besuchereinbruch

Nichtsdestotrotz zeigt schon ein kurzer Blick auf die Zahlen, dass es noch ein weiter Weg ist bis zur vollständigen Erholung. Zwischen Januar und März dieses Jahres kamen nur halb so viele Besucher, wie im gleichen Zeitraum des Jahres 2019. Dabei handelte es sich vorwiegend um inländische Touristen.

Nicht einmal 235.000 deutsche Reisende entschieden sich für einen Trip ins Nachbarland. Im Vergleich: mehr als 400.000 waren es noch Anfang 2019. Rückgänge wurden ebenso aus den anderen Nachbarländern wie Polen oder der Slowakei verzeichnet.

Weniger asiatische Touristen

Patrick Pechač von Lucy Tours ist sichtlich erleichtert, dass sich Prag "langsam wieder füllt". In den letzten zwei Jahren lebte er von seinen Ersparnissen und den wenigen Einnahmen, die das Familienunternehmen durch virtuelle Führungen erlösen konnte.

Jedoch würde die anhaltende Pandemie dazu führen, dass Touristen aus China, Indien und anderen asiatischen Ländern immer noch ausbleiben. Obwohl erwartet wird, dass die Anzahl asiatischer Reisenden wieder zunehmen wird, wenn die Pandemie-Beschränkungen gelockert werden, sind auch politische Probleme für den Rückgang chinesischer Touristen verantwortlich. Aufgrund der drastischen Verschlechterung diplomatischer Beziehungen zwischen Peking und Prag wurden Touren und Flugverbindungen gestrichen.

Krieg als Herausforderung

Ein weiteres Hindernis ist der Krieg in der Ukraine. Mehr als 130.000 Russen reisten noch von Januar bis März 2019 an, doch aufgrund der EU-Sanktionen erhalten sie keine Visa mehr und können keine Direktflüge mehr buchen. Russische Touristen machten einen Großteil der Besucher aus, sagt Klára Malá von Prague City Tourism, "aber mittlerweile sind sie praktisch verschwunden".

Laut Reiseveranstalter Pechač reisen auch weniger Touristen aus den USA an. "Amerikanische Kunden berichten uns, dass Freunde und Familienangehörige befürchten, sie würden in ein Kriegsgebiet reisen", sagt er.

Touristen, die sich dennoch nach Prag aufmachen wollen, haben es schwerer als zuvor. Steigende Treibstoffpreise und der pandemiebedingte Rückgang an Flügen in die Stadt machen Besuche kostspieliger.

Neuausrichtung

Der Tourismus machte vor der Pandemie fast drei Prozent des BIP aus, weshalb er für die tschechische Wirtschaft ein wichtiges Standbein bleiben soll. Deshalb sollen nun gezielt Touristen in anderen Ländern angesprochen werden.  

Der Nahe Osten wird neben bestimmten europäischen Ländern und Israel als potenzieller Markt angepeilt. Der Prager Flughafen will sich etwa vor allem auf amerikanische Gäste fokussieren. Luftfahrtdirektor Jaroslav Filip betont, dass Direkt- und Langstreckenverbindungen über den Atlantik in den kommenden Jahren fortgesetzt und ausgebaut werden sollen.

Krise als Chance

Trotz des Touristenschwunds sieht die Stadtverwaltung die Covid-Pandemie auch als Chance. Im Jahr 2019 kamen fast acht Millionen Besucher nach Prag, was die Sorge über mögliche Negativfolgen verstärkte. Der übermäßige Tourismus könne zu einer Wohnungskrise führen, die Bausubstanz der Gotik- und Renaissancestadt beschädigen und das Leben der Einheimischen durch erhöhte Lautstärken und Kneipentouren beeinträchtigen.

"Die Pandemie erwies sich als vorübergehende Lösung für dieses Problem", sagt Malá. "Sie gab uns Zeit, eine Strategie zur Wiederbelebung des Tourismus auf nachhaltigere Weise zu entwickeln. Wir wollen nun mehr Besucher anlocken, die auf der Suche nach Kultur und hochwertiger Gastronomie sind und werden die Besucherströme aus dem verstopften Stadtzentrum herausleiten."

Patrick Pechačs von Lucy Tours sieht die Dinge pragmatischer. "Wir hoffen, dass der Tourismus im nächsten Jahr wieder auf Hochtouren läuft", sagt er, "vorausgesetzt, der Krieg endet" und Covid schwächt sich zu "einer Art Grippe" ab.

 

Autor Tim Gosling

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