Rafia Zakaria: Feminismus ist lebensnotwendig

18 Mär

Rafia Zakaria hat einen Lebensweg beschritten, der für eine US-amerikanische Feministin ungewöhnlich anmuten mag: Geboren und aufgewachsen in Pakistan, ergriff sie mit 17 eine Gelegenheit, in die USA auszuwandern - durch eine arrangierte Ehe.

"Eines Abends nach dem Essen, als ich Mitte der 90er-Jahre in Karatschi auf meiner Bettkante saß, willigte ich in eine arrangierte Ehe ein", schreibt sie auf den ersten Seiten ihres Buches "Against White Feminism - Wie weißer Feminismus Gleichberechtigung verhindert". Ihr Beweggrund: Sie wollte studieren. "Mein Leben war bis dahin in vielerlei Hinsicht eingeschränkt gewesen und reichte kaum über die Mauern hinaus, die unser Haus umgaben. Ich hatte noch nie Freiheit erlebt, und so gab ich sie gerne auf."

Mit diesem Bekenntnis beginnt Rafia Zakaria, Anwältin und Autorin, ihr Buch. Darin berichtet sie, dass sie gegen die Widerstände ihres Ehemannes Jura studierte, ihn schließlich verließ, Expertin im Einwanderungsrecht wurde - und wie stark der westliche Feminismus von den Prioritäten weißer Frauen dominiert wird.

Was ist "weißer" Feminismus?

Denn im Leben Rafia Zakarias ist der Feminismus keine abstrakte Theorie, sondern schiere Notwendigkeit. Hätte es keine Frauenhäuser gegeben, hätte sie ihren Mann vielleicht nicht verlassen können. Wäre Frauen noch immer der Zugang zu Universitäten verwehrt, hätte sie nicht Jura studieren können. Das Gefühl großer Dringlichkeit, was die Errungenschaften und den Platz des Feminismus betrifft, macht sich in ihrem Buch auf jeder Seite bemerkbar. Entgegen des provokativen Titels ist es eine sensible, feinfühlige, präzise Beobachtung der Schwächen des US-amerikanischen Feminismus.

Zakaria berichtet von geradezu bizarren Ereignissen: Eingeladen zu einem Vortrag über die Lage der Frauen in Pakistan, findet sie bei der Ankunft heraus, dass sie nicht auf einer Bühne vor einem Mikrofon stehen soll, sondern hinter einem Tisch mit ausgedruckten Bildern pakistanischer Frauen in traditioneller Kleidung und kleinen Handwerkserzeugnissen aus dem Land, die wohlhabende US-Amerikanerinnen ihr abkaufen sollen, um Geld für Projekte im Ausland zu sammeln. Die Organisatorin sei entsetzt gewesen, als Zakaria nicht in ihren "traditionellen" Gewändern erschien, wie die anderen Frauen vor Ort, die zum Beispiel aus Nepal stammten. Und Zakaria fühlte sich wie ein Tier im Zoo.

Eine ganz bestimmte Gruppe von Frauen bestimme den Feminismus heute, so die These von Zakarias Buch, während eine andere Gruppe ihn tagtäglich erlebe. Weiße, wohlhabende, oftmals akademisch gebildete Frauen bestimmten, was der Feminismus und seine politischen Ziele seien. Schwarze Frauen hingegen kämen nur als Opfer vor, die in Frauenhäusern kauern oder in Fabriken schuften. Dass sie selbst politische Ziele haben könnten, die sich von denen weißer Frauen auch noch unterscheiden, käme manchen weißen Feministinnen nicht in den Sinn.

Wie sieht "weißer" Feminismus in der Praxis aus?

Zakaria nennt unzählige Beispiele, wie etwa die Nichtregierungsorganisation, die indischen Frauen auf dem Land neue, "saubere Öfen" gaben, damit die Frauen sich Lohnarbeit außer Hauses suchen konnten - die diese aber weder brauchten noch wollten, da sie diese vor Ort nicht reparieren konnten. Außerdem, so schreibt Zakaria, lehnten viele der Frauen "die Vorstellung ab, dass der Weg zum Empowerment darin besteht, sich für lohnabhängige Arbeit zur Verfügung zu stellen."

Sie macht auch auf die weiß-feministische Komponente des Krieges in Afghanistan aufmerksam. Dieser wurde von Frauen in den USA nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 öffentlich verlangt und bejubelt. Und zwar im Namen des Feminismus, um, so ein offener Brief, "das Leben der afghanischen Frauen zu retten und ihre Zukunft zu sichern". Unterzeichnerinnen waren unter anderem die bekannte US-amerikanische Feministin Gloria Steinem sowie die Hollywood-Schauspielerinnen Susan Sarandon und Meryl Streep.

"Weißer" Feminismus in Vergangenheit und Gegenwart

Zakaria beleuchtet in ihrem überzeugenden Buch auch historische Fälle: Schon im 19. Jahrhundert verlangten britische Suffragetten von ihren Mitfrauen in Indien, die sich unter kolonialer Herrschaft befanden, dass diese sich für das Wahlrecht von Frauen einsetzten. Da die indischen Feministinnen nicht mitspielten, beschlossen die weißen Suffragetten, selbst für das Wahlrecht der indischen Frauen (aber nicht für ihre Befreiung von der kolonialen Unterwerfung) zu kämpfen", schreibt Zakaria. "Die indischen Frauen wollten das Wahlrecht, aber in einem Land, das nicht mehr unter der kolonialen Herrschaft der Briten stand. Welche Macht hatte eine Stimme in einem versklavten Land?"

So analysiert Zakaria auf rund 250 Seiten so präzise wie empathisch den weißen Feminismus. Dessen Konsequenzen, so Rafia Zakaria im Interview mit der DW, könne man heute vielerorts beobachten, unter anderem in Afghanistan. "Die USA haben bei ihrer Invasion Afghanistans den Feminismus als einen Deckmantel benutzt, deshalb gelten Frauenrechte in Afghanistan nicht mehr als legitim, sondern als ein Zeichen von pro-westlichen Kollaborateuren. Das versetzt mich in tiefe Trauer." Die USA hätten von Anfang an gewusst, dass sie das Land wieder verlassen würden, hätten aber nichts dafür getan, um die Frauen danach zu schützen.

Wie geht es besser?

Dass auch die feministische Bewegung in Deutschland durch den Blick weißer Frauen geprägt ist, weiß Ciani-Sophia Hoeder zu berichten, Journalistin und Autorin des Buches "Wut und Böse", das 2021 im Hanser-Verlag erschienen ist. "Schon die Themen des weißen Feminismus können als Ausschlusskriterien fungieren. Es gab es für mich nie den Impuls, mich an feministischen Themen zu beteiligen, die überhaupt nicht meinem Alltag entsprachen", so Hoeder im Interview mit der DW. So ging es bei Fragen der Arbeit von Frauen zum Beispiel praktisch nie um die prekäre Arbeit von Migrantinnen. Stattdessen spricht man über weiße Managerinnen. "Es ging im deutschen Feminismus um das Nach-vorne-Bringen von weißen, wohlhabenden Frauen."

Im Gespräch mit der DW bekennt Rafia Zakaria, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken: Sie glaube an die Kraft des Feminismus. Worum es nun gehe, das sei, einander zuzuhören und sich politisch zu engagieren. "Es ist schön, Rechte zu haben", sagt Zakaria im Gespräch. "Aber wir können unsere Rechte nicht behalten, wenn wir uns nicht politisch organisieren - sonst werden uns unsere Rechte einfach von neuen Regierungen wieder weggenommen."

Autorin Christine Lehnen

Permalink - https://p.dw.com/p/48QwJ


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