Übermaltes Pogromgemälde von Felix Nussbaum entdeckt

13 Jun

Zu sehen ist die Röntgenaufnahme von Rue Triste. Darauf sieht man ein anderes Gemälde, das eine chaotische und apokalyptische Szene zeigt. 

 

Zwischen zerstörten Gebäuden liegen Menschen auf einem Platz. Eine Figur am vorderen Bildrand hält die Hände über den Mund, die Augen sind weit aufgerissen. Im Laufe der Kunstgeschichte gab es sie immer wieder: Künstlerinnen und Künstler, die ihre eigenen Bilder übermalten. Vincent van Gogh tat es aus Geldmangel, Alberto Giacometti aus permanenter Unzufriedenheit. Ein neuer Fund in einer Arbeit des 1904 in Osnabrück geborenen jüdischen Künstler Felix Nussbaum zeigt eindrucksvoll, wie sich die Interpretation eines verstanden geglaubten Werkes wandeln kann, wenn mithilfe modernster Technik ein übermaltes Motiv zum Vorschein kommt.

Im Falle Nussbaums handelt es sich um sein Gemälde "Rue Triste" (dt. "Trostlose Straße"). Vordergründig zeigt es einen Straßenzug mit Häusern, aus dessen Fensterhöhlen schwarze Fahnen hängen. Die Straße scheint verlassen. Nur eine schwarze Katze ist zu sehen.

Weltuntergangsszenario zur Pogromnacht

Doch das Gemälde barg ein Geheimnis, das Forschende der Technischen Hochschule Köln nun gelüftet haben. Mithilfe verschiedener Techniken haben die Mitarbeitenden am Cologne Institute of Conservation Sciences (CICS) das Nussbaum-Gemälde untersucht. Sie fanden heraus, dass unter dem Werk ein anderes Motiv liegt, das vom Künstler nachträglich übermalt wurde. Wie die Komposition aussah, machten sie mittels einer Röntgenaufnahme sichtbar. So konnten sie feststellen, dass Nussbaum ursprünglich eine apokalyptisch anmutende Ruinenlandschaft mit verstörten Gestalten gemalt hatte. Sonne und Mond stehen gleichzeitig am Himmel. Das Bild transportiert Tod, Trauer und Zerstörung.

Gemälde Rue triste von Felix Nussbaum: zu sehen ist ein verlassener Straßenzug, aus dessen Fenstern schwarze Fahnen hängen. Auf der Straße steht ein toter Baum. Eine schwarze Katze steht mit aufgestelltem Schwanz in der Mitte der Straße.

Pogromnacht: deutsche Heimat für immer verloren 

"Diese Komposition nimmt deutlich Bezug auf die Pogromnacht und die Ereignisse von 1938", sagt Professor Gunnar Heydenreich, der die kunsttechnologische Untersuchung geleitet hat. Die Reichspogromnacht gehört zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte. Wo das Leben für Jüdinnen und Juden in Deutschland schon vorher schwierig war, wurde es nun unmöglich. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurden sie gejagt, ihre Geschäfte zerstört, Synagogen in Brand gesetzt. Viele Menschen verloren ihr Leben oder wurden deportiert. "Für Nussbaum hat die Pogromnacht bedeutet, dass er gänzlich abgeschlossen hat mit seinem Heimatland. Denn es war auch der Zeitpunkt, wo seine Eltern aus Deutschland fliehen mussten", so Heydenreich. Ab diesem Zeitpunkt sei eine Rückkehr für Nussbaum immer unwahrscheinlicher geworden. Bereits 1935 war Felix Nussbaum nach Belgien geflohen.

Diese Erkenntnisse tragen zu einem neuen Blick auf die Werkgenese des Bildes "Rue Triste" bei. Denn bisher wurde das Gemälde auf das Jahr 1928 datiert, also zehn Jahre vor die Pogromnacht. Zu diesem Zeitpunkt studierte Felix Nussbaum Malerei in Berlin. Ab Anfang der 1930er Jahre feierte er große Ausstellungserfolge und avancierte zum Shootingstar einer jungen Künstlergeneration.

Flucht und Tod in Auschwitz 

Der Maler gewann ein prestigereiches Stipendium und reiste 1932 für einen Studienaufenthalt nach Rom. Nach einem handgreiflichen Streit wurde ihm das Stipendium aberkannt, aber Nussbaum kehrte nicht nach Deutschland zurück. Hitler und die Nationalsozialisten hatten inzwischen die Macht ergriffen. Ab diesem Zeitpunkt begann für Nussbaum und seine Frau, die Künstlerin Felka Platek, die Flucht vor den Nazis: erst nach Italien, dann nach Frankreich, schließlich nach Belgien. Ab 1940 lebten die beiden ohne jedes Einkommen in einem Versteck in Brüssel. Belgische Freunde sorgten für das Nötigste und beschafften Felix Nussbaum sogar ein Atelier und Künstlerzubehör. Die Themen, die der Künstler in jener Zeit in seinen Werken verarbeitete, waren Furcht, Verfolgung und der Fluch, der auf den Mitgliedern seiner Familie lastete. Am 20. Juni 1944 wurden Nussbaum und seine Felka denunziert und verhaftet - und im August desselben Jahres in Auschwitz ermordet.

Selbstbildnis von Felix Nussbaum aus dem Jahr 1943. In der Hand hält er seinen sogenannten Judenpass.

Schon länger Zweifel an Datierung von "Rue Triste"

"Nussbaum ist ein Vertreter der Holocaust-Kunst, der sowohl Zeugnis über die Geschehnisse ablegt, als auch eigenständige Kunstwerke geschaffen hat", sagt Jürgen Kaumkötter. Er ist Direktor des Zentrums für verfolgte Künste in Solingen, wo "Rue Triste" seit 2008 als Dauerleihgabe präsentiert wird.

Schon länger habe Zweifel an der Datierung des Gemäldes bestanden, so Kaumkötter. Etwa hätten die Schornsteine auf dem Bild so ausgesehen, wie die in Brüssel - wo Nussbaum aber erst seit 1935 lebte. Außerdem habe man aufgrund der seitlich angebrachten Signatur geahnt, dass das Bild etwas verberge. Deswegen habe man es zur Untersuchung nach Köln gegeben. "Als wir die erste Nachricht bekommen haben, dass ein anderes Bild gefunden wurde, bin ich förmlich ausgerastet", berichtet Kaumkötter. Etwas Besonderes sei, dass es zu der darunterliegenden Komposition eine passende Zeichnung gibt. Diese befindet sich heute in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem.

Zeichnung von Felix Nussbaum: zu sehen ist eine zerstörte Stadtlandschaft. Davor liegen und knien Menschen, die bestürzt dreinschauen.

Abrechnung mit Deutschland?

Was die kunsttechnologischen Untersuchungen nicht klären konnten, ist, warum Felix Nussbaum das Weltuntergangsszenario zur Pogromnacht übermalte. Im Februar 1939 stellte er die "Rue Triste" in seiner heutigen Form in Brüssel aus. Eine mögliche Interpretation ist, dass das neu entdeckte Pogromgemälde eine Abrechnung mit seinem Geburtsort und Deutschland sei. Denn die "Trostlose Straße" erinnert städtebaulich an die Osnabrücker Johannisstraße, die unweit von Nussbaums Elternhaus lag. So habe Nussbaum möglicherweise von einer Darstellung des Grauens zu einer stillen Anklage wechseln wollen, sagt Gunnar Heydenreich von der TH Köln. Aber auch Materialmangel könne ein Grund gewesen sein.

So oder so zeige auch die "Rue Triste" klare Bezüge zur Pogromnacht. Mithilfe von Infrarotreflektogrammen konnte vor der schwarzen Katze ein Schutthaufen sichtbar gemacht werden, berichtet Heydenreich. "Auf der Infrarotaufnahme lässt sich erahnen, dass der Schutthaufen aus Fensterkreuzen und Glasscherben besteht, die ein Symbol für die Pogromnacht sein könnten, die von der nationalsozialistischen Presse als Kristallnacht verharmlost wurde", so Heydenreich weiter.

Nussbaum war Teil einer vergessenen Künstlergeneration

Die Forschungsergebnisse und das Bild "Rue Triste" werden im Rahmen einer aktuellen Ausstellung des Zentrums für verfolgte Künste gezeigt, die den Titel "1929/1955. Die erste documenta und das Vergessen einer Künstler:innengeneration" trägt und zusammen mit dem documenta archiv Kassel gestaltet wurde. Fokus ist Kurator Arnold Bode, der 1929 in Kassel eine Ausstellung mit jungen Künstlerinnen und Künstlern organisiert hatte und 1955 schließlich die erste documenta. "In der Ausstellung geht es darum, welche Künstlergeneration 1955 nicht gezeigt wurde", so Kaumkötter. Darunter seien viele gewesen, die vom NS-Regime verfolgt, ausgegrenzt, verhaftet und ermordet wurden.

"Die documenta wollte ausdrücklich an die Kunst aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus anknüpfen, der Brückenschlag führte aber nicht in das Jahr 1929, sondern eher in das Jahr 1910 zu der etablierten Avantgarde der klassischen Moderne." Die Ausstellung wolle sichtbar machen, wie die junge Künstlergeneration der Weimarer Zeit - darunter Felix Nussbaum - unberücksichtigt blieb. Zudem geht sie der Frage nach, welchen Einfluss die Jahre des Nationalsozialismus auf die Kunstwelt hatten.

Die Ausstellung "1929/1955. Die erste documenta und das Vergessen einer Künstler:innengeneration" ist noch bis zum 11. September im Zentrum für verfolgte Künste in Solingen zu sehen. Im Herbst wird die Schau weiter nach Krakau ins Museum für Gegenwartskunst (MOCAK) wandern.

 

Autor Maria John Sánchez    

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