Ukraine: Warum Archive geschützt werden müssen

9 Dez


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Seit dem russischen Einmarsch sind in der Ukraine viele Archive zerstört worden. Dahinter scheint die Absicht Putins zu stecken, das kulturelle Gedächtnis der Ukraine auszulöschen.

 

Inmitten von Ackerland im Süden der Ukraine liegt die Siedlung Wyssokopillja, die im Jahr 1869 von deutschen Auswanderern gegründet wurde. Es gibt eine Durchgangsstraße, einen Bahnhof und eine Kirche mit goldener Kuppel. Rund 4200 Einwohner leben in dem unscheinbaren Ort, der im März 2022 von russischen Truppen überfallen und monatelang besetzt wurde.

 

Die russischen Soldaten lebten in Kellern, plünderten und zerstörten Wohnhäuser, Schulen, Kindergärten, historische Stätten und das Regionalarchiv, das in einem vierstöckigen Bau untergebracht war. Heute ist es eine Ruine, wie Fotos zeigen. Das Vordach über dem Haupteingang ist heruntergebrochen, die Fenster sind zersprungen oder fehlen gleich ganz, das Dach ist eingestürzt. Schutt versperrt den Eingang. Es zu betreten, wäre lebensgefährlich, da Minen ausgelegt wurden. Daher sind die Dokumente, die nicht vernichtet wurden oder rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden konnten, nun sich selbst überlassen. Wind und Kälte, Regen und Schnee werden den empfindlichen Papieren schwer zusetzen.


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Das Regionalarchiv in Wyssokopillja ist nur eines von vielen Beispielen, die belegen, dass die Plünderung und Zerstörung von Archiven Teil der russischen Kriegsführung ist. Ein Bericht der Arolsen Archives, einem internationalen Zentrum zur NS-Verfolgung, legt offen, wie dramatisch die derzeitige Situation für die ukrainischen Archive ist. Millionen Dokumente sollen russische Soldaten aus dem Archiv in Cherson entwendet haben, etwa die Hälfte des gesamten Bestands. Darunter auch Computer und Drucker. Und schließlich haben sie das Gebäude vermint. Nach Abzug der russischen Truppen konnten die Minen zwar geräumt werden, doch die verbliebenen Dokumente zu retten, ist ein mühsamer Prozess. Es fehlt an Scannern, Computern, Aufbewahrungskisten, Regalen, Personal.

 

Kulturelles Gedächtnis der Ukraine in Gefahr

"Wenn eine Nation um ihr Überleben kämpft, dann kämpft sie auch um den Erhalt ihrer kulturellen Identität. Die Museen sind dingliche Speicher und Archive und Bibliotheken sind Wissensspeicher", sagt Jörg Morré im DW-Gespräch. Er leitet als Direktor das Museum Berlin-Karlshorst, das trotz seiner Gründung als Deutsch-Russisches Museum mit vielen ukrainischen Museen und Archiven gut vernetzt ist und schon kurz nach dem russischen Einmarsch von Berlin aus die Bedarfe der ukrainischen Einrichtungen abgefragt und Unterstützung organisiert hat.

In den staatlichen Archiven der Ukraine lagern unter anderem Akten des sowjetischen Geheimdienstes. Sie belegen Verbrechen wie den Völkermord Holodomor, eine 1932/33 vom kommunistischen Regime bewusst herbeigeführte Hungersnot. Die Dokumente in ukrainischen Archiven sind nicht unter Verschluss, sondern können von Forschenden und interessierten Bürgerinnen und Bürgern eingesehen werden. Im Zweiten Weltkrieg stand die Ukraine zwischen 1941 und 1944 unter deutscher Besatzung. Daher lagern in vielen Archiven auch historische Zeugnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus, darunter Fotos, Briefe von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, Akten der Wehrmacht sowie weitere Dokumente über NS-Verbrechen.

"Die Akten aus der deutschen Besatzungszeit sind nicht elementar für das Kulturempfinden der ukrainischen Nation, aber aus der Sicht Russlands, dem Nachfolgestaat der Sowjetunion, dem 'großen Sieger' gegen den Faschismus, sind sie wichtig", sagt der Berliner Museumsdirektor und Historiker Jörg Morré. Russland verstehe sich als rechtmäßiger Besitzer dieser Dokumente. Im Archiv von Cherson, so erzählt er, seien russische Abgesandte mit Listen durch die Reihen gegangen und hätten gezielt Bände und Akten aus der deutschen Besatzungszeit mitgenommen. "Das schließt an die große Tradition der Beutearchive aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges an, wo die Rote Armee seinerzeit im großen Stil Akten aus deutschen Archiven nach Moskau gebracht hat. Und da liegen sie bis heute", so Jörg Morré. "Diese Beuteakten sind jahrzehntelang überhaupt nicht angefasst worden, auch nicht von russischen Forschern. Es ging nur darum, sie zu besitzen. In dieser Logik agiert Russland auch jetzt wieder."

 

Warum ukrainische Archive zerstört und geplündert werden

Für Russlands Präsidenten Wladimir Putin ist die Ukraine kein souveräner Staat. Das hat er schon vor dem Einmarsch am 24. Februar 2022 in seinen pseudohistorischen Ansprachen und Aufsätzen deutlich gemacht. Drei Tage vor der Invasion erklärte er in seiner Rede an die Nation, dass die Ukraine für Russland nicht einfach ein Nachbarland sei. Er versteht beide Länder als eine Einheit. Die Ukraine sei von Russland geschaffen worden und ein integraler Bestandteil der russischen Geschichte sowie der russischen Kultur, behauptete er. Putin sieht sich als Befreier der Ukraine, die von Nationalisten und Neonazis unterwandert werde. Doch das ist russische Propaganda, um den Krieg zu rechtfertigen. 

Aus Sicht des russischen Präsidenten kann es nur eine Wahrheit, eine Geschichtsschreibung geben, nämlich die russische. Kritische Stimmen und Medien werden in Russland unterdrückt, der Zugang zu Archiven eingeschränkt. Die Zerstörung und Plünderung der ukrainischen Archive durch russisches Militär ist ein Mittel zum Zweck, die Geschichte der Ukraine auszulöschen und der ukrainischen Bevölkerung ihre Identität zu nehmen. Der Versuch, Menschen ihre Kultur abzusprechen, hat Tradition: Bereits im Zarenreich wurde die ukrainische Literatur verboten und auf ukrainisch durfte nicht gesprochen werden. In der Sowjetunion wurden Familien- und Städtenamen russifiziert und selbst in den entlegensten Gegenden des Großreichs wurden Denkmäler aufgestellt, die das Sowjetregime verherrlichten. Viele dieser monumentalen Statuen gehören bis heute zum Stadtbild in ehemals kommunistischen Staaten. 

Aktuell ist Russisch die Amtssprache in den besetzten Gebieten in der Ukraine. Zum Arzt darf nur, wer einen russischen Pass besitzt. In den Schulen wird russisch gesprochen. Die zugelassenen Lehrbücher verbreiten russische Propaganda, wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International beklagt. Ukrainische Schulbücher sind verboten.

 

Wie können die Archivdokumente gerettet werden?

Mehrere deutsche Institutionen wie das Museum Berlin-Karlshorst, das Bundesarchiv, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die Arolsen Archives und die Initiative "Ukrainische Archive retten" leisten Hilfe in der Ukraine. Kulturgutverschleppung sei ein Thema, das in Deutschland sehr präsent sei, so Museumsmann Jörg Morré. "Wir Deutschen wissen, was es bedeutet, wenn Kulturgüter zerstört werden." Im Zweiten Weltkrieg waren die Deutschen die Täter und haben insbesondere im besetzen Polen Kulturgüter aus Archiven, Bibliotheken und Museen verschleppt. Wohl auch deshalb engagieren sich viele deutsche Kultureinrichtungen in der Ukraine.

Den Archiven ist aktuell vor allem mit Sachspenden geholfen: Sie benötigen hochauflösende Scanner, Stromgeneratoren, Lampen, Luftentfeuchter, Feuermelder, Archivboxen, Regale, Kameras, Computer, Spezialkleber, Papier. Darüber hinaus mangelt es an Personal. In den meisten Archiven arbeiten derzeit nur halb so viele Menschen wie vor Krieg. Dabei bräuchten sie dringend professionelle Unterstützung, denn die Archive sind weiterhin in Gefahr. Dokumente, die nicht digitalisiert werden, könnten für immer verloren gehen. Und auch die Digitalisierung hat ihre Tücken. Zwar werde viel gescannt, doch wenig systematisch. Die Indexierung, also die Vergabe von Schlagworten, komme dem Bericht der Arolsen Archives zufolge zu kurz. Das hat den großen Nachteil, dass die Dokumente dann zwar digital abgespeichert sind, aber nur sehr schwer wiedergefunden werden können.

Die Zerstörung von Archiven, Bibliotheken und Museen treffe die Ukraine sehr, denn der Verlust von Kulturgut erschwere die Bildung eines Nationalstaats, schließt Jörg Morré. "Klar, kann man alles digitalisieren, dann bleibt das Wissen erhalten. Aber ein Nationalstaat gegründet auf digitalen Kopien?! Soweit sind wir noch nicht mit der Digitalisierung, dass wir sagen könnten, das ist genauso gut."

 

Autorin Kristina Reymann-Schneider

Permalink - https://p.dw.com/p/4ZtE7


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