Wie Country-Musik die Welt erobert

19 Apr

Mit Cowboystiefeln und kariertem Flanellhemd geht's auf zum Country-Musikfestival. 

 

Allerdings nicht in Texas oder Tennessee, sondern im leicht maroden britischen Badeort Blackpool, wo in September 2021 das British Country Music Festival stattfindet. Besucher aus aller Welt freuen sich auf Two-Step und Line Dance und vor allem auf gute Musik.

Das typisch amerikanische Musikgenre feiert schon seit ein paar Jahren ein weltweites Revival mit Veranstaltungen in ganz Europa - auch in Deutschland. Vor Corona waren Konzerte in Städten wie London oder Amsterdam regelmäßig ausverkauft. Baylen Leonard, ein in London ansässiger Country-Musik Experte und Radiomoderator, hat festgestellt: "Die Menschen haben erkannt, dass es bei der Country-Musik nicht darum geht, wo man gerade ist - ob in den Südstaaten der USA oder am Strand von Spanien. Es geht um die Geschichten und Emotionen."

Milly Olykan, Vizepräsidentin für internationale Beziehungen bei der Country Music Association (CMA) in Nashville, Tennessee, kann das nur bestätigen: "Das, was die Menschen an der Country-Musik anspricht, sind die tollen Liedtexte", sagt sie.

Crossover zum Pop 

Schwerpunkt von Olykans Arbeit ist es, den Vorurteilen gegenüber Country-Musik entgegenzuwirken. "Nicht nur ältere Leute hören Country, sondern auch viele junge", betont sie. Das Publikum wäre im Laufe der Jahre immer jünger geworden. 

Doch wie ist es überhaupt zu diesem weltweiten Siegeszug der einstigen Nischenmusik gekommen? "Es begann alles mit Taylor Swift, die sich am Anfang ihrer Karriere nie als Country-Künstlerin vermarkten ließ, aber eindeutig eine Country-Künstlerin war", sagt Olykan. So habe sich der Crossover zum Pop vollzogen. Kacey Musgraves machte es ein paar Jahre später nicht anders und zog so ebenfalls Leute in den Bann der Country-Musik. Und dann kam wohl es noch die erfolgreiche Fernsehserie "Nashville" dazu, so Olykan, die von Dramen und Intrigen im Leben einiger -fiktiver- Country-Musikerinnen und -Musikern erzählt. Eine Serie, die nicht nur von in die Jahre gekommenen Kenny-Rogers-Fans geguckt wurde.

Laut Baylen Leonard, der auch ein Country-Musikfestival organisiert, wurde die Musik nicht zuletzt durch Streaming-Dienstanbieter viel zugänglicher: "Man muss nicht mehr in die Country-Abteilung eines Plattenladens gehen. Man hört sich einfach etwas auf einer Streaming-Plattform an, und dann schlägt ein Algorithmus etwas anderes vor, das einem gefallen könnte."

Diese Entwicklungen hat die Country-Musikindustrie in Europa genutzt: "2012 wurde das Country to Country-Musikfestival in der O2-Arena in London ins Leben gerufen. Und schon im zweiten Jahr lief es so gut, dass Glasgow und Dublin als Veranstaltungsorte hinzukamen. Inzwischen hat das Festival auch in Berlin und Amsterdam Fuß gefasst", so Olykan.

Kunterbunter Country in aller Welt

Laut Olykan ist Großbritannien nach den USA inzwischen der größte Zielmarkt des Genres. Aber auch im übrigen Europa, insbesondere in Deutschland und Skandinavien, wächst das Interesse. Der fulminante Aufstieg von Country-Musik in Großbritannien ist auch mit Zahlen belegt: Nach Angaben der British Phonographic Industry (BPI), der offiziellen Musik-Charts im Vereinigten Königreich, verzeichnete das Genre im zweiten Quartal 2021 bei Streaming-Diensten im Vergleich zum Vorjahr einen Zuwachs von 19 Prozent. Und 2019 wuchs der Markt sogar um ganze 47 Prozent.

Aber auch andere digitale Plattformen helfen bei dem globalen Feldzug des Country: "TikTok ist auch ein großartiges Mittel, um neue Country-Künstler zu entdecken, wie zum Beispiel Priscilla Block und Callista Clark", findet Milly Olykan. "Einige Künstler haben dank TikTok sogar fette Plattenverträge bekommen", fügt Baylen Leonard hinzu. Dabei fällt immer wieder der Begriff "Crossover". "Es gibt immer mehr Country-Interpreten, die in den Pop-Bereich eintreten, und mehr Pop-Künstler, die Country machen. Und ich denke, das ist für beide Seiten von Vorteil", sagt Olykan. 

Aber auch ältere Country-Legenden feiern ein Comeback und wagen dabei viel mehr als früher. Dabei spielt laut Baylen Leonard die Vielfalt eine immer größere Rolle: "Eines der häufigsten Missverständnisse über Country-Musik ist, dass es bei den Texten immer um Trucks, Bier, Hunde und Pistolen geht und dass Country unbedingt weiß, konservativ und intolerant sein muss", stellt er klar. Er wolle ja nicht behaupten, dass es keine Probleme gebe, aber "es gibt auch immer mehr schwarze Künstler, es gibt immer mehr Künstler mit allen möglichen sexuellen Orientierungen. Es gibt für jeden etwas. Außerdem sind die Wurzeln der Country-Musik ohnehin schwarz. Das Banjo ist schließlich ein afrikanisches Instrument."

Die Hohepriesterin des Country

Die Entwicklung des Country hin zu einer pluralistischen und weltoffenen Musikform dokumentiert wahrscheinlich keine Künstlerin besser als Dolly Parton. Schon vor einem halben Jahrhundert sang sie mutig über das Schicksal von Frauen, die von ihren Cowboys verlassen wurden. Das gab dem damals eher spießigen und von Männern dominierten Musikgenre eine neue Dynamik. Heutzutage muss die Mutter der Country-Musik die Botschaften ihrer Lieder nicht mehr unter ihren beeindruckenden Perücken verstecken - auch wenn sie diese nach wie vor mit großer Leidenschaft trägt.

"Dolly Parton ist nicht nur eine globale Ikone. Sie ist auch ein Vorbild für viele in Tennessee. Sie ist absolut authentisch, so wie sie ist. Bei ihr ist nichts gekünstelt. Sie liebt einfach alle Kinder Gottes", schwärmte Baylen Leonard kurz nach einem Interview mit Parton in seiner Radiosendung. Parton verbindet die Geschichte des Country nahtlos mit der Gegenwart. Eines ihrer jüngsten Projekte ist die achtteilige Netflix-Serie "Dolly Parton's Heartstrings", in der mit viel Feingefühl und Respekt gesellschaftliche Themen wie Homosexualität, Emanzipation oder Rassismus behandelt und die Werte der Country-Musik betont werden: Gemeinschaft, Freundschaft, Zusammenhalt, Verständnis und Empathie.

Außerdem ist Parton auch Protagonisten eines der weltweit erfolgreichsten Podcasts: "Dolly Parton's America". Die Show begleitet sie auf einer Erinnerungsreise in die Meilensteine ihrer Karriere, wobei in jeder Folge die großen Aufreger aus der jeweiligen Zeit in den Mittelpunkt gerückt werden. Die Podcast-Reihe wirkt fast wie eine Inventuraufnahme von Partons unermüdlichen Kampf gegen die Fesseln des Patriarchats. Da ist sogar für Leute, die der Country-Musik sonst abschwören, jede Menge Zündstoff mit dabei.

Zurück in den Sattel

Der Country-Musikmarkt folgt also gleich auf mehreren Ebenen dem Expansionskurs. "Wie jede hochwertige Kunstform ist auch Country kein Museumsstück. Er ist eine lebendige, atmende, sich entwickelnde Kunstform. Und das gilt heute genauso wie damals schon bei Künstlern wie Johnny Cash und Hank Williams und Patsy Kline", findet Leonard. "Von daher ist das alles eigentlich gar kein Revival. Es ist lediglich die Fortführung einer langen, reichhaltigen Tradition."

 

Autor Sertan Sanderson

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